Sind unsere Mitmenschen mittlerweile allen egal?

Andrii Iemelianenko, Adobe Stock / Twitterperlen Illustrations

Wenn man heutzutage durch unsere Straßen und Städte läuft, kann man durchaus depressiv werden. Und das sage ich, ohne Menschen, die von Depressionen betroffen sind, zu nahe treten oder diese Krankheit verharmlosen zu wollen. Aber seien wir doch mal ehrlich: Wo man auch hinschaut, nichts als Gleichgültigkeit. Sobald man auch nur den geringsten Vorteil daraus ziehen kann, werden die Ellbogen ausgefahren und dann heißt es ohne Rücksicht auf Verluste „Ich, ich ich!“ Die Augen vor den Problemen unserer Mitmenschen zu verschließen, ist doch so einfach und bequem – und überhaupt: Was juckt mich der Typ, der da vorne am Straßenrand im Regen auf einem Karton liegt? Geht mich ja gar nichts an.

Es scheint fast, als wäre Rücksichtslosigkeit eine der Schlüsselqualifikationen, um heute erfolgreich und gut durch das eigene Leben zu kommen. Nicht mal ein Mindestmaß an Solidarität hat da noch Platz, ganz im Gegenteil. Dazu passt auch die Beobachtung, die ein Reddit-User auf seinem Heimweg von der Arbeit machen musste. Wie hättet ihr reagiert?

Working_Village3338

Ich war heute auf dem Heimweg von der Arbeit. Stau an einer Baustelle. Bis ich dann die Ursache des Staus gesehen habe: ein Auto mit komplett zerschossener Front, davor eine in Tränen aufgelöste junge Frau. Ich habe mal angehalten und gefragt, ob sie Hilfe benötigt. — 1/5

Working_Village3338

Es war ihr erster Unfall, das Auto erst vor zwei Wochen gekauft, ein LKW habe sie abgedrängt und sie habe daraufhin ein paar Warnbarken mitgenommen und sei in der Leitplanke eingeschlagen. Danach sei der LKW abgehauen. — 2/5

Working_Village3338

Ich habe ihr dann geholfen, sie getröstet, die Unfallstelle abgesichert und die Polizei und einen Abschlepper gerufen.

Es hätte auch Verletzungen geben können. In der Situation wären die meisten verzweifelt gewesen denke ich mal. — 3/5

Working_Village3338

Gibt es in dieser Gesellschaft keinen Anstand mehr? Ja, ich war auch abgefuckt vom Arbeitstag und wollte nach Hause, aber das Ganze hat mich 20 Minuten gekostet und ich habe eine gute Tat vollbringen können. — 4/5

Working_Village3338

Alle die da einfach vorbeigefahren sind (und das betrifft mindestens 100 Autos): Ich wünsche euch einen Motorschaden 400 km von daheim, in amtlichem Schneeregen, in der Nacht auf Weihnachten, bei -10 Grad, um 3 Uhr morgens. — 5/5

Kommentare und Reaktionen:

Was ist nur mit unserer Gesellschaft los? Liest man sich die Reaktionen der Community auf den Bericht des Users durch, so wird schnell klar, dass Nächstenliebe für viele unserer Mitmenschen offenkundig ein Fremdwort geworden ist. Lieber wegschauen, als irgendwie selbst Zivilcourage zu zeigen.

Trifft es leider viel zu gut

dm_me_a_recipe

Empathie ist bei sehr vielen Leuten scheinbar nicht mehr vorhanden. Jeder wünscht sich, im Ernstfall Hilfe zu erhalten, aber anderen helfen? Kurz anhalten und fragen ob alles gut ist oder Hilfe benötigt wird? Rettungsgasse bilden? Ach, iwo! Hat man ja nix davon. Spätestens seit Covid herrscht mindestens in Deutschland nuklearer Egoismus.

Danke, dass du dich anders verhalten und geholfen hast! Ist leider selten geworden.

Ob die entsprechenden Menschen wissen, dass unterlassene Hilfeleistung sogar strafbar ist?

Working_Village3338

Ich habe vielleicht das klassische Helfer-Syndrom (habe mehrere Erste-Hilfe-Fortbildungen und bin Kindertherapeut), aber auch von meiner Erziehung her war schon immer klar, wenn man einen Unfall sieht, hat man anzuhalten und sicherzustellen, dass niemand verletzt ist bzw. zu helfen.

Ich verstehe nicht, wie man nach sowas noch reinen Gewissens einfach nach Hause fahren kann und nicht mehr daran denkt.

Niemand muss sich mehr zumuten, als er kann

dm_me_a_recipe
Was scheinbar vielen nicht bewusst ist, ist ja auch, dass Hilfe auch darin bestehen kann, einfach beruhigend auf die verunfallte Person einzuwirken oder ihr Handlungen abzunehmen, für die sie gerade zu aufgeregt ist. Auto absichern z.B. oder die Polizei rufen, etc.

Du bringst auch einen sehr guten Punkt an aus meiner Sicht: Der Gedanke, was mit der Person ist und ob ich hätte etwas tun müssen würde mir keine Ruhe lassen.

Allzeit gute Fahrt für dich!

Wie durchtrieben und moralisch bankrott können Menschen sein?

OrnsteinShornstein

2023 um 1 Uhr morgens von nem Kumpel aufm nach Hause Weg:
Frau spricht mich an, dass ihr Freund plötzlich umgekippt ist, Alkohol usw.
Ich geh hin um ihm zu helfen, stehen 3 Typen mit Messer hinter mir.
Handy und Bargeld abgegeben. Mir ist nix passiert.

Seit dem helfe ich niemanden mehr in solchen Situationen.
Immer Selbstschutz zuerst, hat mir die Polizei geraten danach. Denk ich wöchentlich dran.

Den Notruf wählen geht IMMER

Working_Village3338

Ich bin bei sowas mittlerweile auch mehr als vorsichtig. Bin ich mir unsicher, 112 rufen und weg bin ich, damit ist das Soll erfüllt.

Im Urlaub hatten wir mal ein Hotel gebucht, dass in einer echt ungeilen Gegend lag (denk Frankfurter Bahnhofsviertel) und da ist ein Drogenabhängiger auch einfach umgekippt und hat Blut hochgewürgt.

Das ist mir ne Nummer drüber, sorry. Rettungsdienst und cya later.

Einfach mal selbst in diese Situation hineinversetzen

Meenulara

Habe mit 18 mein Auto aufs Dach gedreht, alte Reifen, zu heftig gegengelenkt. Jedenfalls war der schlimmste Moment für mich gar nicht der Unfall an sich. Sondern als ich versucht habe, durch meine kaputte Windschutzscheibe um Hilfe zu rufen und zu winken und die ersten 5 Autos vorbei gefahren sind. Mein Auto lang umgekippt direkt neben der Straße und man muss gesehen haben, dass es erstens gerade erst passiert ist und sich, zweitens, noch eine Person im Auto befindet. Habe mich noch nie so hilflos und allein gelassen gefühlt.

Danke, dass Du angehalten hast ❤️

Zum Glück ist er mittlerweile der Ex

cat_in_cardigan

Hab letztes Jahr einen verletzten J ungen am Straßenrand gefunden, in der Nähe eines Parks. Da liefe n bestimmt 30 Leute einfach an dem Jungen dran vorbei. Geschätzt war er 15-16. Lag einfach regungslos / bewusstlos im Gras.  Ich war die einzige, die nach ihm geschaut und den Krankenwagen gerufen hat. Mein damaliger Freund meinte sogar noch „Komm, lass den einfach, wir gehen weiter.“ Hab dann gesehen, dass der Junge ganz viele tiefe, dicke Narben am Arm hatte (also Selbstverletzung nehme ich an?), war den ganzen Tag total aufgelöst und hab geweint. Mein Ex hat noch gesagt, wie dumm das von mir sei.  Tja. The world is cruel but I won’t be.

SCHLIESSEN
Artikel Teilen