Ich war sechs Jahre lang obdachlos

blvdone, Adobe Stock

Na, wo lest ihr diesen Beitrag gerade? Sitzt ihr zuhause auf dem Klo? Oder vielleicht gemütlich in Decken eingekuschelt auf dem Sofa? Ein Zuhause zu haben, ist für die meisten von uns etwas vollkommen Selbstverständliches. Wir kommen nach einem langen Tag durch die Haustür, werfen die Schuhe in die Ecke, lassen uns auf die Couch fallen und verdrehen vielleicht ein bisschen die Augen, wenn wir sehen, dass die eigenen vier Wände mal wieder dringend einen Durchgang mit dem Staubsauger vertragen könnten. Was für viele nach ganz normalem Alltag klingt, ist für andere Menschen ein unerreichbarer Luxus.

Denn wer kein Zuhause hat, dem fehlt nicht einfach nur ein Dach über dem Kopf. Es fehlt ein Ort, an dem man zur Ruhe kommen kann. Ein Platz, an dem man sich sicher fühlt, seine Sachen ablegen und für ein paar Stunden die Welt draußen lassen kann.

Obdachlosigkeit wird in unserer Gesellschaft häufig auf wenige Bilder und Vorurteile reduziert. Man sieht Menschen, die auf der Straße sitzen, vielleicht mit einem Schlafsack oder einem Pappschild, und geht weiter. Doch was hinter diesen Gesichtern steckt, welche Geschichten, Ängste und täglichen Herausforderungen sich dahinter verbergen, bleibt für die meisten unsichtbar.

Schnell fallen dabei auch Sätze, bei denen klar wird, dass sich überhaupt nicht damit auseinandergesetzt wurde, wie schwierig es sein kann, tatsächlich Hilfe zu bekommen. Die folgende Geschichte von @von.der.strasse.nach.vorn gibt einen erschütternden Einblick in ihre knapp sechs Jahre, die sie auf der Straße verbringen musste, und erinnert daran, dass Obdachlosigkeit niemals nur eine Zahl oder ein gesellschaftliches Problem ist. Dahinter stehen Menschen. Und jeder einzelne von ihnen verdient es, gesehen und mit Würde behandelt zu werden. Aber lest einfach selbst!

Ich war knapp 6 Jahre obdachlos. Sechs Jahre ohne einen sicheren Ort, an den ich zurückkehren konnte. Sechs Jahre, in denen es um mehr ging als darum, irgendwo zu schlafen. Wer nie auf der Straße gelebt hat, kann sich oft kaum vorstellen, wie brutal dieser Alltag ist. Ich möchte über Dinge sprechen, über die viel zu oft geschwiegen wird. „Es gibt doch Notunterkünfte. Niemand muss in Deutschland auf der Straße schlafen.“ Diesen Satz habe ich so oft gehört.

Und jedes Mal frage ich mich, ob die Menschen eigentlich wissen, wovon sie reden. Die Anlaufstellen waren überfüllt, die Hilfsangebote am Limit. Einen Schlafplatz zu brauchen und tatsächlich einen zu bekommen, waren zwei völlig verschiedene Dinge. Hilfe auf dem Papier bringt dir verdammt wenig, wenn du nachts trotzdem draußen sitzt. Wenn du keinen Schlafplatz hast, schläfst du eben draußen. Auch bei Minusgraden. Oder du fährst stundenlang mit der Bahn durch die Gegend.

von.der.strasse.nach.vorn 12.10.2026 Nicht, weil du irgendwohin musst, sondern weil es drinnen warm ist und du wenigstens kurz die Augen schließen kannst, ohne zu erfrieren. Ich bin oft ohne Fahrschein gefahren. Nicht, weil mir Regeln egal waren, sondern weil ich kein Geld hatte und einfach nur gefroren habe. Wenn du die Wahl hast zwischen draußen erfrieren und riskieren, beim Schwarzfahren erwischt zu werden, sieht die Welt plötzlich ganz anders aus. Manchmal geht es nicht darum, irgendwo anzukommen.

Sondern einfach nur darum, irgendwie durch den Tag zu kommen. Viele denken bei Obdachlosigkeit zuerst an Hunger und Kälte. Was dabei oft vergessen wird: Du hast keinen sicheren Rückzugsort. Nirgendwo. Du kannst nicht einfach die Tür hinter dir zumachen und durchatmen. Du musst ständig aufpassen. Auf deine Sachen, auf deine Umgebung, auf die Menschen um dich herum. In einer Notübernachtung hat einmal jemand versucht, mir die Schuhe zu klauen. Während ich sie an den Füßen trug.

Du lernst, selbst dann nicht richtig zu entspannen, wenn du eigentlich schlafen solltest. Dein Körper bleibt auf Alarm. Oft saß ich, wenn ich gebettelt habe, einfach mit einem Kaffee und einem Buch da. Eine Möglichkeit, mich ein bisschen von dem Gefühl abzulenken, für alle anderen unsichtbar zu sein. Einmal kam ein Mann zu mir und fragte, ob ich mir nicht mal eben 100 Euro verdienen wolle. Ich müsse dafür nur mit ihm mitkommen.

Wenn du in einer Situation bist, in der dir das Nötigste fehlt, sind solche Angebote nicht einfach nur unangenehm. Sie können gefährlich sein. Und manche Menschen wissen ganz genau, wie sie die Not anderer ausnutzen können. Obdachlosigkeit macht dich nicht weniger wert. Aber sie macht dich für Menschen, die ausnutzen wollen, oft leichter angreifbar Knapp sechs Jahre war das mein Leben. Heute habe ich es von der Straße geschafft.

von.der.strasse.nach.vorn 12.10.2026 Aber nur weil man irgendwann nicht mehr obdachlos ist, verschwinden die Erfahrungen nicht einfach. Manche Dinge bleiben. Manche Nächte bleiben im Kopf. Ich erzähle das nicht, damit jemand Mitleid mit mir hat. Ich erzähle es, weil hinter dem Wort obdachlos Menschen stecken. Menschen mit Geschichten, Ängsten und Erfahrungen, die niemand sieht, wenn er einfach an ihnen vorbeigeht.

Das ist so viel wert

Was ich persönlich nach der Zeit auf Platte am meisten genossen hab (neben duschen/ baden wann und wie lange ich wollte): Eine abschließbare Tür zwischen mir und der Welt zu haben. Ich hab manchmal tagelang in der abgeschlossenen Wohnung gesessen, wenn ich nicht mit meiner Hündin unterwegs war, und die Stille genossen. Alles Gute dir!

Das muss wirklich aufhören

Ich bin immer sehr erschrocken, was für festgefahrene Vorurteile es gegenüber Wohnungslosen gibt. Von "Die haben sich das doch selber so ausgesucht", über "denen geb ich nix, die versaufen das ja nur", bishin zu "Tja, der hat es wohl nicht anders verdient." Danke, dass du dich entschieden hast, hier über deine Erfahrungen zu posten.🫶

Dahinter stehen Menschen mit ihren eigenen Geschichten

Ich arbeite in einer JVA und höre genau diese Sätze von Kolleg*innen, wenn wir Obdachlose zugeführt bekommen. Meistens von Menschen, die generell privilegierter sind als andere. Ich wünschte, diese Menschen würden sich mal die Zeit nehmen und unseren Wohnungslosen einmal richtig zuhören. Ich bin mir sicher, dass sie schnell ihre Meinung ändern würden. Alles Gute dir! Ich freue mich, dass du es geschafft hast.

Wünscht man wirklich niemandem

fatcopsdontrun 12.10.2026 Ich bin als eigentlich sehr privilegierte Person vor ein paar Jahren obdachlos geworden auf Grund von verschiedenen Umständen. Habe vorher schon viel mit Betroffenen beruflich zu tun gehabt, mir waren die Zustände annähernd bewusst. Sie selbst zu erfahren, war noch einmal etwas ganz anderes. Ich bin jeden Tag dankbar, es aus dieser Situation wieder herausgeschafft zu haben. Als Frau war es wirklich ein Spießrutenlauf. Ein Leben in absoluter Angst. Fühl dich gedrückt wenn du magst.🫂

Hut ab!

Vielleicht mehr als alles andere wünsche ich dir, dass du dich (wieder) sicher fühlst - auch wenn dein Nervensystem das vermutlich erst (wieder) lernen muss. Sehr, sehr stark von dir, dass du den Weg geschafft und wieder Obdach hast.

Mit gutem Beispiel voran

Als erstes freue ich mich, das du wieder ein Dach über dem Kopf hast! Mein Mann und ich schauen an den Obdachlosen nie vorbei wenn wir in der Stadt sind. Und uns fällt auf das es leider auch immer mehr werden die kein Dach über dem Kopf haben. Ich wünsche dir alles Gute für deine Zukunft 🫶

Danke, dass du nicht wegsiehst

ch freue mich sehr für dich das du es von der Straße geschafft hast. Ich bin leider auch mit diesem „die kaufen sich davon Drogen oder Alkohol“ aufgewachsen. Da ich aktuell selten Bargeld dabei habe, habe ich immer gefragt ob ich anders helfen kann, Essen, Getränke, Wasser für den Hund usw.

Sechs Jahre mag man sich da gar nicht erst vorstellen

Du hast meinen vollen Respekt für das, was du geschafft hast und dass du so offen mit deinen Erfahrungen umgehst. Ich war mal 3 Wochen wohnungslos und hab im Keller einer Freundin übernachtet. Es war die Hölle.
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