Das erste Mal „Mama“ hat er zur Nachbarin gesagt

New Africa, Adobe Stock / Twitterperlen mit KI

Es gibt Menschen, die haben bei der Verteilung von Glück einfach eine Niete gezogen. Ohne jegliches Zutun werden sie in ein Umfeld und in eine Familie geboren, die so schrecklich und ungeeignet für ein Kind sind, dass mir selbst beim Lesen schlecht wird. Denn das Kinderzeugen ist verdammt einfach, das Kindergroßziehen dagegen ist eine Lebensaufgabe. Und wenn jemand nicht mal sein eigenes Leben in den Griff bekommt und von einer Sucht in die andere torkelt, wie soll so jemand denn auf ein Kind aufpassen und ihm einen geeigneten Lebensraum bieten? Die Antwort ist leider erschütternd und lautet: gar nicht.

Und so ist es auch dem 15-jährigen Jungen ergangen, über den Threadsuser @sascha.we erzählt. Seine Startbedingungen waren nämlich, dank seiner Familie, äußerst katastrophal und mussten zwangsläufig in der Sucht enden. Was genau ihm geschehen ist und warum er das Glück hat, dass sich trotzdem jemand um ihn kümmert, erzählen wir euch in der folgenden Geschichte.

Gestern habe ich einen 15-jährigen Jungen gemeinsam mit zwei anderen Menschen aus meiner Suchtgruppe in eine Entzugsklinik gebracht. Seine Mutter hatte keine Lust, aber sie hat uns wenigstens die Vollmacht ausgestellt. Er weiß, dass seine Mutter keine Lust hatte - weil sie noch nie Lust hatte, sich um ihren Sohn zu kümmern. Das erste Mal „Mama" hat er zur Nachbarin seiner Mutter gesagt. Er hatte diese Art von Kindheit: keine Kindheit.

Sie war vor allem von zwei Dingen geprägt: Vernachlässigung und Einsamkeit. Ein schrecklicher Mix, ein Cocktail aus Schmerz und Sehnsucht. Er hat mir davon erzählt, wie seine Mutter ihn regelmäßig an alle möglichen Leute abgegeben hat. Sein Vater war ebenfalls nicht im Bild. Mama und Papa wurden also mit der Zeit Fremde. Seine neuen Eltern: die Straßen und vor allem er selbst.

Die Straßen sind ein schrecklicher Ort. Mit 10 hat er das erste Mal CBD geraucht, von einem Erwachsenen hatte er es bekommen. Als er mit 11 das erste Mal wissen wollte, wie sich das ganze mit THC anfühlt, hat ein anderer Erwachsener ihn es probieren lassen. Relativ schnell kamen alle möglichen Drogen dazu. Es war vor allem das Schutzschild, die unbekannte Wärme, das simulierte Gefühl von Liebe und das betäubte Gefühl von Einsamkeit, die er zum Überleben brauchte

Getroffen habe ich ihn in einer Suchtgruppe. Er war schon länger da. Mit 14 hat er gemerkt, dass er sich Hilfe suchen muss. Egal wie viel er nimmt und wie schnell er versucht wegzurennen: Die Probleme und Gefühle sind schneller und lassen sich durch nichts auslöschen. Ich habe einen Jungen kennengelernt, der charmant, witzig und redegewandt war. Einen, den man einfach nur lieben konnte. Und ich wusste direkt, dass all diese Eigenschaften in der Hölle geschmiedet wurden

Als wir ihn gestern an seinem Wohnort abholten, sah ich diese Hölle kurz. Sie sah aus wie die Hölle, die ich aus meiner Kindheit kannte: unscheinbar und unauffällig. Fast unsichtbar, wenn man nicht richtig hinschaut. Keine Familie, die sich vor seiner großen Reise verabschiedet hat. Niemand, der da war, um zu schauen, was für Männer ihren Sohn da quer durch die Republik fahren. Einfach nur eine leere Straße um 8 Uhr morgens mit Einsamkeit in der Luft.

Er hat gestrahlt, als er uns gesehen hat - genauso wie wir. Man kann nur strahlen, wenn man ihn sieht. Er erzählte von seiner „Henkersmahlzeit" mit zwei Bier am Abend vorher. Und dass er vor Angst, seine Freundin durch den Entzug zu verlieren, Montag noch mal rückfällig wurde. Alles, was wir sagen konnten, war, dass uns das sehr wahrscheinlich auch so passiert wäre. Also sind wir einfach eingestiegen und hoffnungsvoll in Richtung Zukunft gefahren.

Als wir die Klinik erreichten und es nach dem Check-in Zeit war, uns zu verabschieden, brauchte es nicht viele Worte. Sondern einfach nur ein paar Umarmungen, bei denen beide nicht loslassen wollten. Das Versprechen, sich bald wiederzusehen und stabil zu bleiben. Ich habe ihm gesagt, dass ich stolz auf ihn bin. Weil ich mit 15 weiter weggerannt wäre - und er mir Hoffnung gibt. Nach der Klinik beginnt seine Ausbildung zum Gesundheitspfleger. Und eigentlich zum ersten Mal auch sein Leben.

Er ist nicht allein mit dem Schicksal

Danke, dass du das gemacht hast. Ich habe 3 Angehörige mit Abhängigkeit, alle clean. Mein eigenes Kind hat Entzug und Reha hinter sich, und ich wünsche diesem Jungen so sehr, dass es für ihn gut wird. Unbekannterweise alles, alles gute! 7

Die Angst verschwindet nie

Wow, danke dass du diesem jungen hilfst Kind, ist selbst abhängig und war auch schon im Entzug sowie in der Reha. Ein Monat bevor die Approbation zu Ende gewesen wäre, wurde er rückfällig. Aber ich war nicht sauer, auch nicht enttäuscht und auch nicht wütend. Ich werde ihn weiterhin unterstützen. Ich kann mein Kind nicht aufgeben, auch wenn er schon erwachsen ist und eine eigene Wohnung hat. Die Angst ist trotzdem immer da, dass es zu spät sein könnte

Vielleicht war ja alles anders geplant?

Ich werde nie verstehen, warum man Kinder bekommt und behält, wenn man keine Kinder will. Warum nicht zur Adoption frei geben? Mir tut der Junge unglaublich leid! Der hatte doch bisher nie eine Chance!

Solche Freunde retten Leben

Danke Euch. Früher hat mich auch ein Freund zum ersten Entzug gebracht. Aber ich war schon 40+ Niemand hat damals gedacht, das das öfter der Fall sein würde, ich auch nicht. Mittlerweile überwiegen meine clean/trocken Zeiten deutlich. Zb 180 Tage. 175 ohne Drogen. Aber man weiß nie was der nächste Tag bringt. Alles liebe Euch allen von Herzen

Danke!

Wer schneidet hier Zwiebeln? E (H Aber ernsthaft, danke! Danke, dass du sowas erzählst. Ich hab es zu oft mitbekommen und konnte mich selbst nur von Sucht bewahren, weil ich einen relativ stabilen Freundeskreis hatte, der mir echt viel Hoffnung, Halt und vor allem Struktur gegeben hat. Danke, dass du zeigst, dass nicht jeder dieses Privileg hat. Im Herzen wünsche ich diesem Jugendlichen so viel Kraft. Ich weiß wie es ist, wenns schon so jung so weit kommt und da sollte keiner durch

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