Ich habe meine Zukunft in den Sand gesetzt

WHstudio Leushin N, Adobe Stock / Twitterperlen Illustration

Es gibt diese Momente im Leben, in denen man sich hinsetzt und gnadenlos Bilanz zieht. Zugegeben, es sind vielleicht nicht die schönsten Momente, aber es hat etwas zutiefst Reinigendes, die Karten ungeschönt auf den Tisch zu legen. Man hört auf, vor sich selbst und allen anderen etwas darzustellen, was man in Wahrheit vielleicht gar nicht ist. Rock bottom.

Es ist das Ende eines Lebensabschnitts und damit automatisch der erste Schritt in einen neuen. Ein Zugeständnis an das eigene Selbst, mit all den Fehlern und Schwächen, die man so gerne verbirgt. Ein Narr, wer nicht versteht, wie beängstigend dieser Moment ist und wie viel Mut er erfordert.

Die Bilanz, die ein Reddit-User in der heutigen Beichte zieht, ist vielleicht nicht super relatable. Aber in seiner Menschlichkeit so berührend, dass wir sie gerne mit euch teilen möchten. Der Autor schickt vorweg, dass er nach Mitleid strebt oder sich „Gunstbezeugungen“ erhofft. Er „habe NICHT vor, [s]einem Dasein ein Ende zu setzen oder eine ähnliche Dummheit zu begehen“. Er möchte einfach nur seinen Frust teilen. Ein Gefühl, das wir alle kennen.

(Zugunsten der Lesbarkeit haben wir uns entschieden, den Originaltext gekürzt wiederzugeben. Die vollständige Geschichte könnt ihr auf Reddit nachlesen.)

Baertram01

Mir ist klar, dass jeder selbst seines Glückes Schmied ist. Abgedroschen, aber nicht ganz unwahr. […] Ich kann, soweit ich es zu beurteilen vermag, von mir behaupten immer anständig agiert zu haben. Und das war wahrscheinlich mein größter Fehler.

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Baertram01

Egal ob als Kind oder als Erwachsener – wenn jemand Hilfe brauchte habe ich sie ihm gewährt. Ob die Sache nun körperlicher oder geistiger Natur war oder wie lästig. […] Ich habe nie jemanden hängen lassen und zahle jetzt die Quittung.

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Baertram01

Als mein Arbeitsvertrag auslief ergab es sich, dass sich bei meiner Großmutter erste Anzeichen von Demenz zeigten. Sie war als Kind immer für mich da, von daher war es nur selbstverständlich, dass ich mich jetzt um sie kümmerte […]

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Baertram01

Die Jahre vergingen und aufgrund meiner seelischen Situation konnte ich von Arbeitslosengeld auf Rehageld umsteigen. […]

Während dieser Zeit bewohnten wir ein Haus, dass eigentlich meiner Mutter gehörte, aber sie hatte einen Partner gefunden und lebte mit ihm zusammen. Kein Ding.

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Baertram01

Aber meine Großmutter wurde immer älter und ihr Zustand verschlechterte sich, sodass eine Unterbringung in einem Altenheim unumgänglich wurde. […]

 

 5/10

Baertram01

Schließlich starb sie und meine Mutter machte mir das Angebot, bei ihr und ihrem Mann das Obergeschoss zu beziehen. Ich nahm an und das Haus, von dem ich dachte, es würde einmal mein Erbe sein wurde verkauft. Sie nahm das Geld um seines abzubezahlen und alles schien in bester Ordnung.

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Baertram01

Was ich damals nicht bedachte, war ein wesentlicher Umstand. Ich investierte mein Erspartes um meine neuen Räumlichkeiten herzurichten. Was aber würde passieren sollte meiner Mutter, ihrem Mann oder beiden etwas zustoßen oder sie ihr natürliches Ende erreichen?

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Baertram01

Das Problem ist folgendes: Der Mann meiner Mutter hat einen leiblichen Sohn, sprich er würde einmal alles erben. Das Geld meiner Mutter liegt auf einem gemeinsamen Konto, sprich rein rechtlich hätte er auch Ansprüche auf einen Teil davon, obwohl es sich praktisch ausschließlich um das Geld meiner Mutter handelt. […]

 

 8/10

Baertram01

Um eines grundliegend klarzustellen: mir ist klar, dass alles deren Besitz ist und sie damit tun können, was sie wollen. Ich bin mir bewusst, dass ich selbst beizeiten hätte Vorsorge für mein Leben hätte treffen müssen und mich nicht in Abhängigkeit von anderen begeben. Was mich frustet ist Folgendes: der Mann meiner Mutter hat sich selbstständig gemacht und brauchte zwischenzeitlich Geld um Dinge zwischenzufinanzieren. […]

 9/10

Baertram01

[…] Ich lieh ihm das Geld und sah es nie wieder. Plötzlich hieß es, dass ich dankbar sein solle hier wohnen zu dürfen und es von daher selbstverständlich sei, dass das Geld mit etwaigen Unkosten verrechnet würde.

Ich denke, ihr versteht langsam, warum ich es am Anfang als meinen größten Fehler bezeichnet hatte, mich immer rechtschaffen verhalten zu haben.

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Puh, es ist eine bittere Abrechnung mit sich selbst, der Familie und den Widrigkeiten des Lebens, der wir hier beiwohnen. Seine eigenen Entscheidungen zugunsten anderer wurden ihm zum Verhängnis. Kein Wunder, dass Verzweiflung und Frust aus den Worten des Users sprechen. Und doch empfindet man zwangsläufig Anerkennung für seine reflektierte Beobachtung und die Stärke, von der sie zeugt.

Wir wünschen dem User nur das Beste – und die Kraft, sich aus dem Tal zu manövrieren, ohne seine eigenen Prinzipien aufzugeben!

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