Bei uns machen wir das nicht: Wo Alltagsrassismus beginnt

ladyalex, Suthida, Adobe Stock / Twitterperlen Illustrations

Zu den unbequemen Wahrheiten gehört, dass wir alle Vorurteile in uns tragen. Wir Menschen sind darauf programmiert, Muster zu erkennen und daraus Verhaltensweisen abzuleiten. Ein Prinzip, das dazu dient, Situationen schnell zu erfassen und Entscheidungen bestenfalls automatisiert zu treffen. Das schont Zeit, Nerven und Ressourcen. Tatsache ist jedoch, dass unser System so stark in der Mustererkennung ist, dass es manchmal übertreibt. Wir werden als Kind einmal von einem Dackel gebissen und meiden für den Rest unseres Lebens alle Hunde. Und manchmal braucht es den Biss nicht einmal, es reicht die Geschichte von der Nachbarin eines Onkels, deren Vermieter angeblich mal einen Hund kannte, der …

So ähnlich ist es mit Rassismus. Er steckt in uns allen drin. Vorurteile, die wir irgendwann einmal aufgeschnappt haben. Ideen über die Welt, in der die einen so und die anderen so. Wir wiederholen Gedanken und Formulierungen, die auf Klischees fußen, über die wir uns nicht mal bewusst sind. Es ist ein gefährliches Spiel mit der Bequemlichkeit, denn statt die Augen zuzumachen, könnten wir sie auch öffnen und die Komplexität der Realität anerkennen. Das setzt allerdings voraus, uns und unser Verhalten in Frage zu stellen und einer Bewertung auszusetzen. Schaffen wir das? Der Thread von @mer.ersln zeigt, wie viel Arbeit dies erfordert!

Alltagsrassismus im dm: Zwei Frauen mit ostasiatischem Erscheinungsbild standen heute im dm vor dem Wasserspender. Eine der beiden hat dann ihr Becher, der noch nicht ganz ausgetrunken war, in den Müll geworfen. Darüber kann man streiten. Eine Mitarbeiterin fand das so gar nicht toll und sagte Zitat: „HALLO? Wir schmeißen kein Wasser in den Mülleimer. Ich weiß ja nicht wo Sie das so machen aber bei uns machen wir das nicht" o Ich habe zwei Sekunden gezögert aber musste mich dann einmischen

Ich habe ihr gesagt „Das ist Alltagsrassismus ist was Sie da machen aber Sie merken es nicht mal. Wer ist denn „uns"?" Daraufhin hat sie versucht sich rauszureden und dann hat sich ihre Kollegin eingemischt und sagte zu mir „Sie meinte damit bei uns im Laden" © Ihre Kollegin hat ihr dann natürlich zugestimmt. Ich meinte dann nur „Wir wissen alle ganz genau was Sie damit gemeint haben stehen Sie wenigstens dahinter"

Und wisst ihr was das schlimmste daran ist. Die Frau mit ostasiatischem Erscheinungsbild konnte selbst kaum deutsch und konnte sich gar nicht verteidigen. Niemand hat den Mund aufgemacht alle haben nur zugesehen. Irgendwann hat ein älterer Mann die Mitarbeiterin in Schutz genommen. Die andere Kollegin meinte dann zu mir „Komisch, dass immer ihr euch sowas rausnehmen könnt"

Auch diese Aussage war rassistisch ausgelegt und trotzdem haben sie versucht sich rauszureden. Bitte macht immer den Mund auf wenn ihr sowas mitbekommt. Weil je mehr wir zusehen, desto mehr erlauben sie sich! Hätte da eine Frau mit deutschem Erscheinungsbild gestanden, wäre der Satz „bei uns machen wir das nicht" nicht gefallen. Und das wissen die beiden Mitarbeiterinnen genau so gut wie ich!

Alltagsrassismus oder nur eine unglückliche Formulierung?

Einmal so schnell Rassismus abschaffen wie Menschen in Kommentarspalten, das wäre was! Die Frage ist jedoch, wie weit wir kommen, wenn wir blonde Svens fragen, ob rassistische Vorurteile Teil ihres Alltags sind. Es ist ähnlich gewinnbringend wie Männer zu fragen, ob Frauen strukturell benachteiligt werden. Oder Erwachsene beurteilen lassen, wie gut der neue Paw-Patrol-Charakter funktioniert. Vielleicht lassen wir das mit den schnellen Repliken einmal und hören stattdessen lieber zu! Fangen wir doch mal mit den folgenden Kommentaren an …

Die Freuden von Social Media

Fazit beim Blick in die Kommentarspalte: Wer selbst nie Opfer von Rassismus war, fühlt sich lieber präventiv angegriffen von der Benennung als Rassismus und geht auf Verteidigung. Wem der Schuh passt... Mag sein, dass ich es persönlich in der Situation anders wahrgenommen hätte als im OT beschrieben, vielleicht auch nicht. Es steht aber niemandem zu - erst recht niemandem der diese Erfahrung nie machen musste - die Wahrnehmung anderer ins lächerliche zu ziehen oder zu behaupten sie sei falsch.

Einsicht ist der erste Schritt zur Besserung

Du hast wohl die falsche Bubble erwischt. Doch das war rassistisch. Ich erinnere mich an meine Schulzeit, als eine Mitschülerin ihre Beine auf den leeren Stuhl neben ihr gestellt hat im Unterricht. Selbe Aussage wie bei der dm-Mitarbeiterin kam von ihm. Die Klasse hat getobt und er hat gemerkt wie falsch das war. Sich dennoch versucht rauszureden. Wir als Klasse also mit unserem Klassenlehrer geredet und siehe da, er konnte Reue zeigen.

Deswegen: Rassismus benennen

Das ist unmöglich!! Danke, dass du eingeschritten bist!! Alltagsrassismus ist für viele so normal, dass sie es nicht einmal als Rassismus sehen!!

Narben bleiben

Ich (Sizilianer) habe als junger Mann in D. gelebt. Die paar Zeilen hier reichen nicht aus, meine Erfahrungen aufzuzählen. Wie man so schön sagt, könnte man ein Buch darüber schreiben. Apropos Traumata... verzeihen ist möglich, vergessen leider nicht. Man unterschätzt, welche Auswirkungen solche Sachen auf junge (und dann ältere) Leute haben.

Schade

Wenn das kein gutes Beispiel von Alltagsrassismus ist, dann weiß ich auch nicht ... Und dich hat leider kein Mensch verteidigt als der blöde Spruch in deine Richtung kam? Die Menschen schlafen mit offenen Augen

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