
Ausgabe #6 – Neue Folge der Kolumne „Papa, bist du wach?“ über Lügen, Wahrheiten und die Frage, wer hier eigentlich wen erzieht
Kinder lieben es zu lügen. Und wer kann es ihnen verübeln? Es scheint eine großartige Methode zu sein, jeglichen Ärger zu vermeiden und sich aus jeder noch so unangenehmen Situation herauszuwinden. Allerdings lässt sich das natürlich nicht für alle Kinder gleichermaßen behaupten. Schon bei meinen eigenen Töchtern gibt es große Unterschiede.
Die Größere (11) lügt bei jeder noch so kleinen Gelegenheit. Jegliche Reibung, jeder vermeintliche Makel wird durch eine kleine Lüge hier und da vermieden und ausgemerzt. Bis, ja bis es dann unvermeidlich auffällt, weil wir schließlich auch mal Kinder waren und oft nur allzu gut aus eigener Erfahrung wissen, wie sich diese oder jene Situation höchstwahrscheinlich tatsächlich zugetragen hat. Aus einem fadenscheinigen „Ich habe ganz sicher keine Schokolade in meinem Zimmer gegessen“ wird, wenn die Verpackung einmal gefunden ist, bald ein „Ach, diiieee Schokolade – ja, die hab ich schon gegessen, aber da war ja auch fast nichts mehr drin.“ Der leiseste Verdacht auf eine Standpauke rechtfertigt hier jedes Mittel.
Die kleine Tochter (8) hingegen ist rechtschaffen bis ins Mark. Eine waschechte Lüge belastet sie sofort stark und wird sie einmal aufgedeckt, so bricht sich das angestaute schlechte Gewissen in einem Meer aus Tränen Bahn. Und dennoch probiert auch sie ihre Grenzen immer wieder aus. Testet uns und versucht es zumindest bei Kleinigkeiten. Kommt man ihr auf die Schliche, purzelt die Wahrheit schließlich bei gemeinsamem Gelächter allzu oft ans Tageslicht.
Der erzieherisch und freundschaftlich gemeinte, bis zum Erbrechen wiederholte Satz „Sag lieber einfach die Wahrheit, ich werd nicht schimpfen, aber es verletzt mich schon, wenn du mich häufig anlügst“ scheint bei ihr gefruchtet zu haben. Auf meine Frage heute Morgen, wo denn die Paprika aus der Schulbrotdose abgeblieben sei, erwiderte sie frei heraus: „Die hab ich weggeworfen, tut mir leid.“ Das wurmt mich einerseits, weil es schade ums Essen ist, macht mich andererseits aber auch stolz. Die Wahrheit so ungeschönt vorgelegt zu bekommen, kann entwaffnend sein.
Abschließend fragt man sich natürlich, welches der beiden Kinder mehr darum bemüht ist, alles richtig zu machen. Diejenige, die dauernd versucht, den perfekten Anschein zu wahren, weil sie genau weiß, was richtig und was falsch ist? Oder diejenige, die frei heraus zugibt, dass sie einfach keine Lust hatte, und sich den Ärger einer entlarvten Lüge spart? So oder so: Die Paprika ist futsch. Und die Mengen an Schokolade, die ich damals heimlich in meinem Zimmer verputzt habe, konnte zum Glück bis heute nie jemand erahnen.
Erfreut euch nun an 12 wundersamen Widersprüchen, wichtigen Wahrheiten und wärmenden Wundern des Elternseins.
Leute, es war zauberschön. Vielen Dank fürs Lesen und bis nächsten Monat. Wenn ihr noch nicht genug habt, schaut doch auch mal hier vorbei:
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