Ich muss springen, wenn mein Vater schreit

Viorel Sima, deagreez, Adobe Stock / Twitterperlen Illustrations

Manchmal sind es nicht die Kinder, die von ihren Eltern aufgezogen werden, sondern genau umgekehrt. Während andere Jugendliche in ihrer Teenagerzeit erste Partys feiern oder sich um die Schule sorgen, werden manche schon im jungen Alter ungefragt in die Rolle eines Erwachsenen gedrängt. Kochen, Putzen, Wäsche waschen und den Haushalt schmeißt man dann nicht aus Hilfsbereitschaft, sondern schlicht, weil man muss. Doch was passiert, wenn man genau dieser verkehrten Welt endlich entfliehen will? Wenn man hunderte Kilometer weit wegzieht, um nach Jahrzehnten der emotionalen und körperlichen Dauerbelastung endlich ein eigenes, freies Leben zu führen und die Vergangenheit einen trotzdem nicht loslässt?

Die Geschichte von @steffi_7897 zeigt auf drastische Weise, wie tief die Spuren einer sogenannten Parentifizierung sitzen. Ein Vater, der Hilflosigkeit als Waffe nutzt, erfundene Notfälle, die sich am laufenden Band häufen, und eine Tochter, die zwischen schierer Erschöpfung, Schuldgefühlen und der Sehnsucht nach etwas Ruhe völlig aufgerieben wird. Doch was es mit den dreisten Manipulationsversuchen des Vaters auf sich hat, lest ihr am besten einfach selbst.

Ich kann nicht mehr, ehrlich. Ich bin die parentifizierte Tochter in Person. Ich kümmere mich um meinen Vater, seit ich 12 bin. Nicht, weil er pflegebedürftig ist, sondern, weil er einfach keinen Bock mehr hatte, als meine Mutter weg war. Und ich wollte als Jugendliche was zu essen und saubere Kleidung. Also habe ich, bis ich mit 26 ausgezogen bin, seine Wäsche gemacht, Einkaufszettel geschrieben, gekocht, geputzt und mich um alles organisatorische gekümmert.

In letzter Zeit habe ich sehr wenig Zeit, um zu meinem Vater zu fahren. Und zu wenig Geld, wenn ich ehrlich bin. 2250km für Hin- & Rückweg geht irgendwann massiv aufs Geld. Ich arbeite 6-7 Tage am Stück, für einen freien Tag. Er merkt das. Merkt, dass ich nicht mehr so regelmäßig komme, um für ihn aufzuräumen oder seine Sachen erledige.

Und plötzlich erfindet er Notfälle. Sagt nie, was genau es ist, aber ich muss heute noch kommen. Dringend. Es geht nicht anders. Und ich bin dermaßen lange "sein Elternteil", dass ich nicht weg sehen kann. Er gibt jedes Mal aufs Neue zu, dass ihm langweilig war und das sein "ich brauch dringend Hilfe" nichts weiter war als ein "mir ist langweilig und ich brauche Gesellschaft".

Er wollte umziehen. Das habe ich organisiert, weil er das nicht hin bekommen hat. Am Tag des Umzugs rief er mich während der Arbeit an. Notfall. Ich muss sofort zu ihm, er schafft das nicht mit dem packen. Ich erkläre ihm, dass die für ihn packen. Er sagt "aha, aber du musst trotzdem her kommen". Ich sage nein und lege auf. Jetzt ist er umgezogen, aber angeblich passt etwas nicht.

Und jetzt soll ich nach meinem 6 Tag Arbeit in Folge, nach dem ich zwei kurze Wechsel und einen geteilten Dienst hatte, zu ihm fahren. Schon wieder. Ich habe alleine heute schon 15 (!) Nachrichten bekommen, immer mit dem selben Text. Mein Mann und ich sollen uns frei nehmen für die nächste Woche und ihm helfen. Er braucht Hilfe. Dringend. Wir sollen sofort vorbei kommen. Jetzt. Auch, wenn ich ihm sage, dass ich gerade arbeiten bin (bis vor ner halben Stunde war ich noch arbeiten).

Ich fahre jetzt los. Das letzte Mal für diesen Monat. Nächste Woche ist genau so voll, wie diese und irgendwann möchte ich mich auch mal entspannen können, ohne ständig Angst haben zu müssen, wenn ich eine Nachricht bekomme, dass es mein Vater ist, der mich wieder mit irgendwas giuldtrippen.

Kommentare und Reaktionen:

Uff, das klingt wirklich nach einer harten Situation. Dass das auf Dauer auf die Nerven schlägt, und so definitiv nicht weitergehen kann, sehen nicht nur wir, sondern auch die anderen Userinnen und User so.

Grenzen sind so wichtig

Steffi, ich würde Dich am liebsten jetzt sofort an die Hand nehmen und zurückhalten. Das mit Deinem Vater geht schon viel zu lange und darf so nicht weitergehen! Du machst Dich doch total kaputt! Du musst bitte so bald wie möglich eine Psychotherapie beginnen oder Dich zumindest einer Selbsthilfegruppe bzw. einem vergleichbaren Chatforum anschließen, damit Du Unterstützung bekommst, die Beziehung zu Deinem Vater zu ändern. Du musst einüben, bei Deinem „nein“ zu ihm hart zu bleiben!!! 💞

Er ist schließlich erwachsen

Steffi, wenn du den Eindruck hast, dass dein Vater nicht zurecht kommt, dann organisiere ihm einen Betreuer und gib die Verantwortung ab.

Sonst nimmt der Kreislauf kein Ende

Mach es nicht mehr. Fahre nicht hin. Was genau denkst du, dass passiert, wenn du nicht fährst? (Ernst gemeinte Frage.) Der macht das, weil er genau weiß, dass er das mit dir machen kann. Solche Leute machen das mit absoluter Absicht. Solche Leute müssen auch mal lernen, dass ein Nein ein Nein ist.

Die eigene Gesundheit geht immer vor

Parentifizierung in Reinform, mit emotionaler Erpressung😢. Vermutlich hält er dir noch vor, was ER alles für DICH getan hat… BITTE such dir Hilfe und Unterstützung, ob im Freundeskreis, in Institutionen oder professioneller Art! Um deiner Selbst willen, du musst aus dieser Situation raus, sonst gehst du kaputt! Pass auf dich auf 🤗

Amen!

janep_82 3 Tage Ich halte mich zurück wie wütend mich der Text macht. Wütend auf deinen Papa.. nur soviel und das sage dir bitte immer wieder laut vor dich hin: DU BIST NICHT VERANTWORTLICH FÜR DAS LEBEN DEINES VATERS!!! Fühl dich unbekannterweise einfach gedrückt🫶🏽

Und zwar ganz schnell

Liebe Steffi, das klingt nicht gesund. Die vertauschten Rollen hast du gut beschrieben, und sie waren in deiner Jugend und im frühen Erwachsenenleben lebensnotwendig. Nun aber nicht mehr. Bitte bitte befreie dich und priorisiere dich!

Vermutlich leichter gesagt als getan

Wenn er mit Suizid droht dann die Polizei anrufen. Dann kommt er in die Psychiatrie und der Waffenschein und die Waffen werden ihm weggenommen. Lebe du dein Leben! Lass dich nicht erpressen von ihm.

Du bist nicht verantwortlich

beretta_the_cat 2 Tage Ich möchte dir die Autoschlüssel wegnehmen. Bitte such dir eine*n Therapeut*in, damit man dir hilft, dich abzugrenzen. Das ist nicht deine Verantwortung und nicht gesund. Und auch einfach nicht richtig. Er ist ein erwachsener Mann. Er kann sich in Vereinen anmelden und Leute kennen lernen, wenn er Gesellschaft braucht. Er wird ja in seinem Leben irgendwas gemacht haben, kann also nicht so unfähig sein, wie er tut. Bitte, lass das nicht mit dir machen.

Er muss das lernen

Dein Vater nutzt dich schamlos aus. Fahr da nicht mehr hin, setzte ihm Grenzen.
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