Über Alltagsrassismus auf dem Amt

KI / Twitterperlen Illustrations

Es ist mühsam, immer und immer wieder darauf aufmerksam zu machen – und doch führt leider weiterhin kein Weg daran vorbei: Rund 90 Prozent der Menschen nehmen in diesem Land wahr, dass in unserer Gesellschaft Rassismus existiert. Ja, noch immer. Und dank des Erstarkens radikaler politischer Kräfte wird manches, was wir längst als überwunden betrachtet haben, plötzlich wieder salonfähig und nicht nur der Diskurs, sondern auch die Sprache verschieben sich weit(er) nach rechts. Menschen mit anderer Hautfarbe oder einem „fremden“ Aussehen werden auf der Straße mit schiefen oder gar feindseligen Blicken betrachtet – doch nicht nur dort.

Threads-User @schwarzwolf61 war zuletzt auf einem Amt und was er dort erlebt hat, macht traurig und wütend zugleich. Die geschilderte Beobachtung zeigt, dass wir als Gesellschaft noch einen weiten Weg zu gehen haben, wenn wir möchten, dass sich alle Menschen hier gleichermaßen respektiert und wertgeschätzt fühlen.

Ich war heute auf einem Amt. An der Tür stand sinngemäß, kein Termin nötig, einzeln reinkommen für die Anmeldung. Ich geh rein. Vorne klärt eine ältere Dame gerade was am Schalter. Hinter ihr sitzt ein junges Mädchen. Links von mir sind drei Sessel, auf einem sitzt schon jemand. Also setz ich mich dazu. Plötzlich dreht sich die ältere Dame zu mir und fährt mich an „Was machen Sie da? Können Sie nicht lesen?“ Ich schau sie an „Bitte was?“

Sie zeigt Richtung Tür und meint, da steht doch einzeln reinkommen. Ich so „Ich bin eh allein reingekommen.“ Danach war erstmal Ruhe. Was mir aber aufgefallen ist Bei den zwei Leuten vor mir war sie extrem schroff. Beide haben kaum Deutsch gesprochen und du hast richtig gemerkt, wie genervt sie mit ihnen redet. Als sie dann gemerkt hat, dass ich problemlos Deutsch spreche, war der Ton bei mir plötzlich ganz anders. Ruhiger. Freundlicher. Fast wie ausgewechselt.

Da hab ich mir nur gedacht Wie viele Leute gehen aus solchen Ämtern raus und fühlen sich komplett klein gemacht, weil sie die Sprache kaum können und sich kaum wehren können? Du merkst innerhalb von zwei Minuten, wie sich der Ton verändert, sobald jemand checkt, dass du dich ausdrücken kannst und dir sowas nicht einfach gefallen lässt. Und das find ich schon heftig. Respekt sollte nicht davon abhängen, wie gut jemand Deutsch spricht oder wie sicher jemand auftreten kann.

Kommentare und Reaktionen

Wenn man sich durchliest, was andere Userinnen und User zu diesem Erlebnis sagen, muss man festhalten, dass Alltagsrassismus in Deutschland wohl leider kein Einzelfall ist. Es ist wirklich erschreckend, dass Menschen auch im Jahr 2026 aufgrund ihrer Hautfarbe oder ihrer vermeintlichen Herkunft schlicht herablassend behandelt werden.

Warum sind Menschen so?

Das habe ich krass in Lausanne auf einen Amt erlebt. Vor mir eine schwarze Frau, die fliessend Französisch sprach. Sie wurde herablassend behandelt. Dann ich mit meinem schlechten Deutschweizerfranzösisch und ich wurde ausgesprochen freundlich und geduldig bedient.

Eigentlich ganz einfach

ja, das finde ich so bitter und entsetzlich. Wer von uns kann denn selbst entscheiden wo er/sie/es auf die Welt kommt….

Auf dem Amt sollte man keine Angst haben müssen

Danke, dass Sie dieses Thema ansprechen. Vor 25 Jahren war ich ein einziges mal beim Sozialamt, nach einem Monat in Deutschland. Ich mache bis jetzt Umweg um diese Stadtteil. Kriege sonst Panikattacken... Ich glaube an Karma

Nicht wegsehen, sondern helfen!

Meine Haushaltshilfe und ihr Mann sprechen nicht so gut deutsch. Als sie mir mal erzählte wie unfreundlich sie auf dem Amt behandelt wurde und dass die ihr einfach nur "Steine in den Weg legen wollen" habe ich sofort gesagt beim nächsten Mal gehe ich mit aufs Amt, bzw. sagte zu ihr " gib mir mal die telefonnummer vom Sachbearbeiter. Ich rufe den an". So geht's ja wohl nicht. Zack, alles geregelt. Das ist Alltagsrassismus.

Das ist halt das Absurde daran. Sobald jemand merkt, da ist jetzt wer dabei, der sprachlich sicher ist und sich wehren kann, geht plötzlich alles ganz schnell. Und dann fragst du dich halt schon, warum es vorher so schwer sein musste.

Es geht ja eben doch

Der Ehemann meiner kurdischen Freundin hat mich auch mal gebeten, mitzugehen zur Ausländerbehörde,weil man doch so unfreundlich zu ihm sei. Ich komme also als Begleitung mit, wir dürfen uns auch setzen und hatten eine freundliche Ansprache und dann habe ich auch ein Bild vom Hund gesehen und nach dem Hund gefragt. Die Mitarbeiterin hat sofort angefangen vom Hund zu erzählen und zack,zack, alles gestempelt und als wir draußen waren, fragt mich der Mann ganz perplex :"das war alles"?

Ja, solche Unterschiede im Ton mein ich. Warum glaubst du, dass bei vielen Kundendiensten gefragt wird, ob Gespräche zu Schulungs- oder Qualitätszwecken aufgenommen werden dürfen? Weil eben auch geschaut werden muss, wie mit Menschen umgegangen wird. Und ja, es gibt genug Leute, die sich plötzlich mehr rausnehmen, sobald jemand unsicher spricht oder einen starken Akzent hat. Aufzeichnungen haben natürlich auch andere Gründe, aber sowas gehört halt auch zur Realität.

Man versteht es einfach nicht

Das ist nicht nur auf dem Amt. Ich habe es an der Tankstelle erlebt. Kommt ein Paar und will etwas zum Essen und Trinken bestellen. Die geben sich richtig Mühe das ganze in deutsch zu bestellen.. die Verkäuferin total unfreundlich. Das ganze passiert an eine Autobahntankstelle wo natürlich auch Ausländer ohne Wohnsitz in Deutschland anhalten. Sobald ich wieder im Auto war hab ich die ganze Situation in eine Bewertung dargestellt. Ausländerfeindlichkeit lasse ich niemanden durchgehen.

Ein völlig berechtigter Einwand

Ich kann nur von mir ausgehen. Ich habe mal in einem Amt gearbeitet. Bei uns gab es keinen Rassismus, aber oft Verständigungsprobleme mit aus dem Ausland kommenden Personen. Es ist richtig schwer einer Person rechtliche Dinge zu erklären, die wichtig sind und auch unbedingt richtig verstanden werden müssen. Kein Sachbearbeiter spricht gleichzeitig russisch, arabisch, spanisch, englisch, französisch, farsi etc. Bei schweren Verständigungsproblemen haben wir immer um einen Dolmetscher gebeten.

Eine leider sehr treffende Feststellung

Wie findest Du den Charakter eines Menschen heraus? Gib ihm das Gefühl von Macht.

Ich war immer erstaunt, dass Leute die kein Wort Deutsch sprechen, dennoch im Amt waren und dann teilweise richtig böse reagierten, wenn sie nicht verstanden wurden. Diese Anspruchshaltung war erschreckend. Es wurde erwartet, dass die jeweilige Landessprache gesprochen wurde. Wenn das nicht der Fall war, war der Sachbearbeiter ein böser Mensch. Oft kam dann noch Lautstärke und Beleidigungen dazu.

Danke – und bitte mehr davon!

Ich arbeite in einem Amt. Und ja, es ist verdammt anstrengend,wenn mein Gegenüber nicht erklären kann welchen Antrag er eigentlich stellen will. Das kommt leider nicht 1x/Tag vor, sondern 20x. Ich kann fließend Englisch. Mein Gegenüber leider nicht. Aber trotzdem wäre ich NIEMALS unfreundlich. Mit Händen und Füßen kommt man schon zu einem gemeinsamen Ergebnis. Und wenn GAR NIX mehr geht,dann gibts Google Translate.
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