Der Kollege, der nicht versteht, was Armut ist

Moderne Grafik eines Mannes, der sichtlich ahnungslos und verwirrt wirkt. Die Illustration passt perfekt zur Kritik an der Romantisierung von Armut. Ideal für gesellschaftskritische Blogbeiträge über Klassismus, Kinderarmut und die harte Realität von finanziellen Ängsten.
khosrork, Adobe Stock / Twitterperlen Illustration mit KI

Wie schön muss sich der Schleier der Naivität anfühlen, wenn man nie echte Armut erlebt hat. Wenn man nicht weiß, wie es ist, zur Monatsmitte durch den Supermarkt zu streifen, Preise zu vergleichen und immer wieder zu rechnen. Wenn man sich nicht entscheiden muss zwischen einem Buch und einem Kleidungsstück, das wirklich gebraucht wird.

Die meisten von uns haben Glück und leben unter relativ sicheren finanziellen Bedingungen. Doch für Millionen Menschen in Deutschland gehören Geldsorgen und existenzielle Ängste zum Alltag. Schlimmer noch, rund 15 Prozent aller Kinder wachsen unter dem Stempel „armutsgefährdet“ auf. Ihnen droht eine Spirale, die von den Strukturen in diesem Land so gefördert wird. Wenig Geld heißt auch schlechtere Karten in der Schulbildung zu haben. Eltern unter Stress. Kein Geld für Nachhilfeunterricht. Und die Kosten eines Studiums? Unvorstellbar!

Es gibt keinen individuellen Quick Fix für diese Probleme. Arme Menschen sparen nicht an der falschen Stelle oder haben die falschen Hobbys. Man kann 10 Euro im Geldbeutel nicht einfach so ausgeben, wenn man nicht weiß, was die nächste Woche bringt. Und das isoliert ungemein.

Wer Armut romantisiert, hat ihre zerstörerische Macht nicht verstanden. So wie der Kollege im folgenden Thread von @mariepiep.

Mein Kollege ist sehr privilegiert aufgewachsen. Wir nennen ihn scherzhaft Kleiner Adel. Er hat ein unglaublich großes Herz und spendet viel an Tierschutzorganisationen. Was er nicht wirklich versteht, ist Armut. Letztens sagte er: ich verstehe nicht, dass arme Familien nicht ständig ihre Zeit in der Natur verbringen. Rausfahren ins Umland. Es gibt nichts besseres für Kinder als Natur. Ich meinte dann: Naja, viele können sich die Fahrkarte nicht leisten. Es gibt eine Mobilitätsarmut. Hat er
mir nicht geglaubt. Er meinte, dass man sich dann halt überlegen muss, von etwas anderem weniger zu kaufen um sich die Fahrkarten zu leisten. Und er meint es echt nicht böse, es liegt nur außerhalb seiner Vorstellungskraft, außerhalb seiner Idylle. Ich habe noch lange mit ihm geredet und er hat zugehört. Er war nachdenklich, hat zu dem Thema gegoogelt und konnte es ein bisschen verstehen. Kommunikation ist so wichtig in sehr vielen Bereichen. Und manchmal auch erfolgreich. Hoffe sehr, dass noch
mehr Menschen Dinge hinterfragen, die nicht in ihrem Weltbild präsent sind, Fakten annehmen können und auch verstehen.

Würde mir sehr, sehr schwer fallen

Sag ihm mal, er soll ein Experiment machen: Er soll sich mal Mitte des Monats 2 Euro auf den Küchentisch hinlegen und das sind die einzigen 2 Euro, die er bis zum 01. hat. Der Kühlschrank ist zur Hälfte voll, Tank 1/4, Busfahrkarte hat er nicht. Er darf keine Freund*innen um Geld bitten, nicht an sein Konto und Ersparnisse. Die 2 Euro sind alles. In diesem Sinne: Viel Spaß in der Natur.

Ein guter Startpunkt

Selbst wenn er von alleine nicht dahintersteigt... er ist immerhin aufrichtig und möchte euch nichts schlechtes. Ihr seid anderer Ansicht, aber im respektvollen Austausch. Eigentlich eine gute Situation.

Do the math

Vielleicht kannst du ihm an dem Beispiel das im Monatlichen BGsatz ca. 50 € für Mobilität eingeplant sind, dass Deutschlandticket aber mittlerweile 69€ kostet vermitteln.

Wie einfach es ist, die Augen zu verschließen

Meine Schwiegereltern haben ihr Spülmaschine als "zum verschenken" bei eBay angeboren, nachdem wir sie da bisschen gedrängt haben. Konnten es auch nicht fassen, dass jemand lieber eine alte Maschine hat als ein bisschen auf eine neue zu sparen.

100 Prozent

Mit seinem Bemühen um den Perspektivenwechsel und das wirkliche Interesse hat er schon mehr getan als viele Politiker in ihrem Elfenbeinschloss - chapeau für euch beide!

Hört ihr das da oben?

Und auch deshalb war das 9€-Ticket so unfuckingfassbar gut! Denn es hat Vielen das Reisen ermöglicht, die es sonst einfach nicht konnten. Und jetzt sind wir wieder da, wo wir angefangen haben, dass sich ein Großteil der Menschen das nicht mehr leisten kann.

Moral muss man sich leisten können

Ich hatte mal ne ähnliche Diskussion über die Moral des Ladendiebstahls. Die Sache ist halt beide diskutierende hatten nie im Leben ernsthaft Hunger.

Eine Situation, die prägt

Zu meiner Grundschulzeit haben wir als 5 köpfige Familie vom Stipendium meines Vaters gelebt. An manchen Tagen gab es einfach nur Kartoffelsalat. Ich weiß, dass mein Vater beim Einkaufen jeden Cent im Kopf summiert hat, um an der Kasse ausreichend Geld zu haben. Und trotzdem kann ich mich an mehrere Momente erinnern, an dem er Dinge an der Kasse doch zurücklegen musste. Wir haben von Kleiderspenden gelebt, da für sowas dann kein Geld mehr war. Das ist Realität für mehr Menschen als man denkt.
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