Wenn Rassismus als Ratschlag daherkommt

Pixel-Shot, Adobe Stock / Twitterperlen mit KI

Um den Rassismus in unserer Gesellschaft wahrzunehmen, braucht man nicht lange an der Oberfläche zu kratzen. Es reicht, sich mal spaßeshalber mit einem „ausländischen“ Nachnamen auf eine Wohnung oder einen Job zu bewerben. Von einem Blick in Wahlstatistiken oder entsprechende Foren mal ganz abgesehen. Doch Rassismus kommt nicht immer mit Propaganda, wehenden Fahnen, eindeutigen Tattoos oder akkurat rasierter Hairline daher. Manchmal verbirgt er sich hinter Ratschlägen, unbedachten Kommentaren oder ach so gut gemeinten Absichten.

Möglicherweise tut dieser leise, lächelnde Rassismus noch etwas mehr weh, weil er so schwer zu greifen und manchmal unmöglich zu parieren ist. Zu bequem ist die Möglichkeit, die Abwertung des Gegenübers als ehrliche Sorge zu verkaufen. Dabei steht dahinter dasselbe Narrativ wie bei anderen Formen von Rassismus: Deine Herkunft macht dich zu etwas anderem als mich!

Vielleicht sollten einfach mehr Menschen den Thread von @timur_20tu einmal lesen, damit sie verstehen, was es mit leisem Rassismus auf sich hat. Dies ist seine Geschichte!

Rassismus zeigt sich nicht immer in Beleidigungen, oft kommt er leise daher, als Sorge oder gut gemeinter Rat. Als ich Abitur gemacht habe, war ich im Deutsch Leistungskurs und einer der wenigen mit Migrationshintergrund, ich hatte sehr gute Vornoten und gerade in Deutsch stand ich konstant zwischen 1 und 2. Noch bevor der Abiturunterricht richtig losging, kam meine Lehrerin zu mir und fragte, ob wir zuhause überhaupt Deutsch sprechen, ob ich Druck bekomme, Abitur zu machen, und meinte, es gebe
ja auch andere Wege als das Abitur und ich solle vielleicht darüber nachdenken. Nicht, weil ich schlecht war, sondern obwohl ich gut war. In diesem Moment habe ich verstanden, dass von mir weniger erwartet wurde als von anderen, nicht wegen meiner Leistung, sondern wegen meines Namens und meiner Herkunft, und genau so funktioniert Alltagsrassismus.

Liebe Lehrer*innen, das könnt ihr besser

Es ist noch so. Zur meiner Schulzeit im Gymnasium 30 Jahre habe ich es mir von jeden Lehrer anhören müssen und jeden Fach. Und dumme Sprüche bei den Klassenarbeiten Rückgabe. Wie kann das sein so einer wie mich gute Noten schreiben ?
Meinem Sohn (Dt/Nigeria) wurde gesagt er könne froh sein wenn er überhaupt den Hauptschulabschluss schaffen würde, und er solle zusätzlich nachmittags in "Deutsch für Ausländer" gehen. Er studiert gerade Jura.

Prüfe deine Vorurteile

In meinem Deutsch-LK saßen fast nur Menschen mit Migrationsunterricht. Zu Beginn der ersten Stunde kam der Lehrer rein, guckte uns an und meinte nur: "Da habe ich mich wohl in der Tür vertan. Das hier ist auf keinen Fall der Deutsch-LK." Dann verschwand er für 10 Minuten (wahrscheinlich, um den richtigen Raum zu erfragen), kehrte zurück und tat, als sei nichts gewesen.

Der Subtext, den man diesen Kindern sendet, ist einfach nur hässlich

Ich habe aus diesem Grund den deutschen Nachnamen nach der Scheidung behalten. Der Unterschied sobald ich mich am Telefon melde ist wie Tag und Nacht. In der Grundschulzeit musste ich auch in einen Deutsch-Förderkurs (habe erst mit 5 Deutsch gelernt) obwohl ich direkt mit 6 eingeschult werden konnte, in Deutsch auf 1-2 stand und besser war als Muttersprachler.

Gut, dass sie sich nichts hat einreden lassen

Ich weiß noch, dass ich in der Oberstufe einen Brief bekommen habe vom Arbeitsamt. Sie wollten einen Termin mit mir, um über meine Zukunft und berufliche Laufbahn zu sprechen. Ich bin damals direkt von der Grundschule auf Gymnasium gegangen und es war klar dass ich mein Abi machen werde. Trotzdem musste ich dahin und diese Frau hat mich gefragt was meine Ziele sind, ob ich glaube das Abi zu schaffen und wenn ja mit welcher Note. Als ich ihr antwortet und gesagt, habe dass ich danach Jura studier
studieren möchte, hat sie mich nur mit großen Augen angeschaut. Hab ihr dann gesagt, dass ich jetzt auch gerne gehen möchte, weil ich morgen eine Matheklausur schreibe, für die ich noch lernen will. Durfte dann gehen. Aber dieses Gespräch war so unnötig. Und Spoiler ich bin jetzt Rechtsanwältin

Rassismus bleibt Rassismus – auch mit einem Lächeln

Rassismus kommt nicht nur unfreundlich daher... aber diese freundliche Art der Überheblichkeit gibt es auch in anderen Bereichen: Behinderung, Krankheit, psychische Belastungen, Geschlecht usw. Es wird immer so getan, als wäre man für nichts zu gebrauchen und nur sie können einen retten.

Sollten wir uns alle klarmachen

Sie haben vollkommen recht. Durch solche Handlungen und Gespräche zeigen sie uns unseren Platz in ihrer Gesellschaft - nämlich dass wir in den letzten Reihen stehen sollen. Das geschieht mit einem Lächeln und wird als gut gemeinter Ratschlag getarnt.
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