Warum sich dieser User selbst als „emotionaler Parasit“ bezeichnet

DimaBerlin, Adobe Stock / Twitterperlen Illustration

Wer in der jüngeren Vergangenheit nicht mindestens ein Mal pro Woche komplett mit der Welt und dem Geschehen um uns herum überfordert war, werfe den ersten Stein. Gerne würde ich an dieser Stelle einen dem Kontext angemesseneren Ausspruch verwenden, so etwas wie „der werfe den ersten Stuhl im Zimmer seiner Therapeutin oder seines Therapeuten um“ – aber da von uns ja eh niemand einen freien Termin dort bekommen hat, passt das auch nicht so recht. Bleiben wir also beim bewährten Stein, der zumindest, was die Härte angeht, dann ja auch wieder zur Situation passt.

Zurück zum Thema: Es geht darum, wie Menschen mit all dem Negativen umgehen. Mit all den Nachrichten von immer neuen Kriegen, von Leid und Vertreibung. Man fühlt sich machtlos und hat das Gefühl, dass man dem ganzen wirren und irren Treiben nur tatenlos zusehen kann. Und in gewisser Weise stimmt das ja auch. Klar, wir haben in diesem Land freie Wahlen und können (mit-)bestimmen, wer dieses Land regiert und lenkt. Aber was bringt uns das schon, wenn der verrückte Kürbis drüben über dem großen Teich morgen der Meinung ist, dass Europa und Deutschland zu wenig Coca-Cola trinken und er deswegen mal kurz einmarschiert? Was vor wenigen Jahren noch völlig undenkbar und ausgeschlossen schien, ist heute wahrscheinlicher, als dass der Weltfußballverband FIFA eine WM irgendwie ansatzweise sauber über die Bühne bringt.

Auf Reddit hat ein User nun sehr offen gebeichtet, warum es ihm im weitesten Sinne „gut tut“, wenn er hört, dass es anderen Menschen schlecht geht. Spoiler: Was auf den ersten Blick total verwerflich klingen mag, ist es – wenn wir etwas darüber nachdenken und dabei ehrlich zu uns selbst sind – am Ende vielleicht gar nicht.

Jaded-Mud2967

Die Kurzfassung:

Mir geht es gut, wenn ich merke, dass es anderen Menschen um mich herum auch schlecht geht. Das heißt nicht, dass ich kein Mitleid hätte, ihnen nicht helfen würde oder es genieße, wenn es anderen schlecht geht. Ich fühle mich nur weniger schlecht, wenn ich sehe, dass es anderen schlecht geht.1/10

Jaded-Mud2967

Die Langfassung,:

Meine Kindheit war geprägt von einem Haufen negativer Dinge, die aufzulisten hier des Umfangs wegen gar nicht möglich wäre. Ich hab mir aber immer eingeredet, dass es anderen Menschen auch oft nicht gut geht und hab mich so durch meine Jugend gekämpft. Ich hab aber gleichzeitig immer weniger von mir erzählt.2/10

Jaded-Mud2967

Irgendwann war dann der Punkt Beziehung gekommen. Ich hatte davon ganze Drei, keine hielt wirklich lang. Ich hab eigentlich nur den drei Frauen wirklich alles erzählt, bzw. versucht. Eine ließ mir nie Platz für meine Probleme, die Zweite meinte, sie wolle niemanden mit so einer Familiengeschichte.3/10

Jaded-Mud2967

Bei der letzten Beziehung hatte ich auch ein gutes Gefühl, die ging aus anderen Gründen auseinander. Jedenfalls hat sie aber meine Geschichte mit einem Satz kommentiert, denn ich wohl nie vergessen werde und der bei mir eine schwere Depression auslöste.4/10

Jaded-Mud2967

Ich hab dann Jahre meines Lebens absolut nichts gemacht, wirklich nichts. Niemand wollte mir helfen und Psychologen haben mich auf eine jahrelange Warteliste gesetzt. Ich sei nicht selbstmordgefährdet, ergo könne ich ja mindestens vier Jahre warten. Unter anderem hab ich mich so gehen lassen, dass sich mein Körpergewicht verdoppelt hat, auf staatliche 180kg in nur drei Jahren…5/10

Jaded-Mud2967

Das Ganze fand mit Putins Angriffskrieg ein Ende. Ja, ihr habt richtig gehört. Die größte Katastrophe des Jahrhunderts so weit war mein Rettungsanker. Ich hab Lehramt studiert und bekam einen Anruf. Man bräuchte Hilfe, um die Flüchtlingskinder zu unterrichten. Ich weiß nicht warum, es war bei mir Arsch-vor-Friedrich.6/10

Jaded-Mud2967

Noch ein paar Monate und ich hätte unter der Brücke schlafen müssen. Jedenfalls hab ich es irgendwie geschafft zuzusagen. Ich hab Kinder unterrichtet, die hatten Verwandte in Butscha. Ich hab mit Müttern geredet, deren Häuser standen in Kharkiv, usw. Ich hab die Schrecken des Krieges in den Kindern wiedergefunden und mir selbst ging es dadurch besser7/10

Jaded-Mud2967

Der täglich selbe Ablauf hat mir Struktur gegeben und die Geschichte aus der Ukraine beruhigten mein Gemüt. Ich merkte, auch anderen geht es schlecht. Ich musste dann aus anderen Gründen die Schule wechseln und entschied mich mit Absicht für eine Brennpunktschule. Und es geht mir gut. Ich hab Klassen erlebt, da waren vier von 24 Kindern im Frauenhaus.8/10

Jaded-Mud2967

Ich hab Kinder kennengelernt, deren Eltern öfters die Hand auskam (Präteritum weil beendet). Ich kenne zwangsverheiratete Eltern. Ich bin dazwischengegangen, als ich Wind davon bekam, wie ein Kind in den Sommerferien verheiratet werden soll. Ich hab die Hälfte der Privatnummern der Mitarbeiter_innen des örtlichen Jugendamtes im Handy eingespeichert.9/10

Jaded-Mud2967

Ich hab so viel erlebt, gehört und mitbekommen, ihr würdet mir nicht glauben. Würde Netflix daraus eine Serie machen, die Leute würden sagen, es sei Fake und ich verstünde sie. Aber es geht mir besser. Es geht mir besser, wenn ich mitbekomme, dass es anderen schlecht geht. Ich helfe ihnen, das ist klar. Ich sorge mich um sie. Aber ich könnte nie woanders arbeiten, dort gäbe es nicht genug Leid. So gesehen bin ich ein emotionaler Parasit.10/10

Reaktionen & Kommentare:

Eine offene Beichte, die zunächst wirklich krass klingen mag. Doch zahlreiche Userinnen und User zeigen sich glücklicherweise total emphatisch und drücken ihr Verständnis aus.

Guter Ratschlag

insanelysane1234

Jo, du bist kein emotionaler parasit, sondern führst einfach die Gefühle aus deiner Kindheit fort. Das ist überhaupt nicht ungewöhnlich. Mach ne Therapie, du bist reflektiert, das wird gut.

Passt definitiv besser

MechanicAmbitious787
Statt Parasit würd ichs eher Symbiont nennen. Ist doch gut dass es solche Menschen gibt. Win win für beide Seiten.

 

Die wahrscheinlich viel treffendere Sichtweise

LizzRohellec

Mensch, du machst die Arbeit, bei der andere Lehrer kaputt gehen, weil sie das emotional nicht aushalten. Ein emotionaler Parasit wäre es, wenn du ein Enabler bist für das Elend der anderen und sie darin hältst. Das tust du aber nicht und hilfst damit sehr vielen Menschen. ❤️ Du bist kein emotionaler Parasit 🫂

Sehr schöne Zusammenfassung

PriorBus3481

Danke für deine Beichte. Ich bin froh, dass es Menschen gibt, die das aussprechen, wofür ich mich schäme und es nur den wenigsten Menschen anvertraue. Worüber ich aber mich wirklich freue, sind die Kommentare bisher. Ich hatte mich auf überwiegend Negatives eingestellt, aber die Empathie, das Verständnis und das positive Urteil der Kommentatoren ist mega!

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