
Ausgabe #3 – Neue Folge der Kolumne „Papa, bist du wach?“ übers Verwöhnen und Kinder zur Selbstständigkeit erziehen
Unselbstständige Kinder nerven mich. Nicht ständig, aber oft genug, dass ich mich dabei ertappe, wie ich innerlich die Augen verdrehe. Und das, obwohl ich doch eigentlich ein umgänglicher, wohlmeinender Mensch sein möchte. Einer, der Verständnis hat. Für alles.
Es gibt Kinder, die können mit acht Jahren erstaunlich wenig allein. Sie meiden Klettergerüste, steigen nicht selbstständig ins Lastenfahrrad, wirken, als hätte die Schwerkraft einen persönlichen Groll gegen sie. Wenn etwas nicht sofort funktioniert, wird geweint. Nicht kurz. Sondern so, als sei das Leben insgesamt ein fragwürdiges Konzept. Meine Tochter ist da anders. Das sage ich mit einer gewissen Vorsicht, denn nichts klingt schneller nach Selbstbeweihräucherung als ein Vater, der sein eigenes Kind beschreibt. Aber gestern im Schwimmbad zum Beispiel erledigte sie das Umziehen, Duschen und Haareföhnen völlig selbstverständlich. Wie eigentlich immer, seit sie dort ihren Schwimmkurs macht. An der Kasse lobte sie eine ältere Dame. Streng im Auftreten, aber offenbar nicht ohne Herz. Das machte mich stolz. Auf meine Tochter. Und, wenn ich ehrlich bin, auch ein wenig auf mich selbst.
Dabei bilde ich mir keineswegs ein, alles richtig zu machen. Ich versuche, Kinder zur Selbstständigkeit erziehen zu wollen – ja. Aber nicht ausschließlich aus pädagogischer Überzeugung. Sondern auch aus schlichter Erschöpfung. Ich bin müde vom Erinnern, vom Hinterhertragen, vom Vorausdenken. Von Kleidungsstücken auf dem Boden, offenen Fenstern, brennenden Lichtern. Manchmal wünsche ich mir einfach Unterstützung im Alltag. Also fordere ich sie ein. Und unterlaufe das Ganze gleichzeitig wieder. Ich räume Dinge weg, um Diskussionen zu vermeiden. Ich erledige Aufgaben selbst, um den Abend zu retten. Ich verwöhne, weil ich gemocht werden möchte. Vielleicht sogar geliebt. Das ist keine besonders stringente Erziehungsstrategie. Aber eine sehr menschliche.
Zwischen Fördern und Umsorgen, zwischen Loslassen und Festhalten verläuft dieser schmale Grat, auf dem Eltern balancieren, wenn sie versuchen, Kinder zur Selbstständigkeit erziehen zu wollen, ohne dabei die Nähe zu verlieren. Man kann diesen Grat mit Ratgebern pflastern oder mit guten Vorsätzen absichern. Meistens stolpert man trotzdem. Und vielleicht gehört auch das dazu. Denn wer sich als Kind schon einmal nach einer langen Autofahrt schlafend gestellt hat, nur um ins Bett getragen zu werden, weiß: Ein bisschen Verwöhnen schadet nicht. Irgendwann stehen sie ohnehin wieder auf. Und gehen allein weiter.
Weitere Alltagsbeobachtungen und Geständnisse von Eltern im ewigen Zwiespalt findet ihr hier:
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