„Ich habe ständig Angst, dass jemand zufällig herausfindet, wie ich wohne“

deagreez, ronstik, Adobe Stock / Twitterperlen Illustrations

Wenn es darum geht, den Schein zu wahren, sind Menschen zu echten Meisterleistungen fähig. Es ist immer wieder erstaunlich, wie sie in diesen Fällen über sich hinauswachsen können – vor allem, wenn sonst so gar nichts geht und der Alltag von maximaler Überforderung geprägt ist. Vom „Messi-Syndrom“ dürften die allermeisten zumindest schon mal gehört haben – umgangssprachlich sprechen wir bei entsprechenden Personen meist schlicht von „Messis“, was jedoch eine Abwertung miteinschließt. Die Betroffenen haben dabei andauernde Probleme, sich von Dingen zu trennen, weshalb auch von „pathologischem Horten“ die Rede ist, doch das Syndrom geht noch viel weiter, denn wer nichts wegwerfen oder entsorgen kann, der vermüllt zwangsläufig seine eigene Wohnung. Alles ist voll- und zugestellt, die meisten Räume nicht mehr nutzbar und die Spirale dreht sich weiter und weiter. Ohne aufwendige Unterstützung schaffen es die Wenigsten heraus.

In der heutigen Beichte berichtet eine betroffene Reddit-Userin zum allerersten Mal von ihrer ganz eigenen Situation. Davon, welche Auswirkungen das Messi-Syndrom auf ihren gesamten Alltag hat – und welche zusätzlichen Schwierigkeiten dies zur Folge hat. Klar ist: Hier braucht jemand dringend Hilfe!

Grinse_kath_i

Ich glaube, das ist das erste Mal, dass ich überhaupt jemandem davon erzähle.

Nach außen wirke ich wahrscheinlich wie ein ganz normaler Mensch. Ich gehe jeden Morgen geschniegelt und gepflegt zur Arbeit, bin ordentlich angezogen und erledige meinen Alltag.1/8

Grinse_kath_i

Mit Kolleginnen rede ich ganz normal, treffe Freundinnen. Niemand würde vermuten, wie es aussieht, wenn ich abends meine Wohnungstür aufschließe.

Denn meine Wohnung versinkt seit Jahren immer mehr im Chaos.

Es ist längst nicht mehr nur Unordnung und Staub.2/8

Grinse_kath_i

Vor der Küchentür stapeln sich Kisten mit Wäsche, Büchern und anderem Zeug, dass ich die Küche seit mehreren Monaten nicht mehr betreten habe. Überall stehen Kartons, Tüten und Stapel mit Kleidung, Büchern, Zeitungen und allem möglichen herum.

In der Badewanne steht seit meiner letzten Reise noch ein Rucksack. Ich habe ihn nie ausgeräumt und so kann ich die Badewanne deshalb seit 4 Wochen nicht nutzen.3/8

Grinse_kath_i

Niemand weis bis jetzt davon.

Ich achte darauf, dass niemand in meine Wohnung kommt. Ich schlage Treffen immer woanders vor, denke mir Ausreden aus und bekomme Panik, wenn sich jemand ankündigt.

Ich habe ständig Angst, dass jemand zufällig herausfindet, wie ich wohne.4/8

Grinse_kath_i

Fast jeden Abend nehme ich mir vor anzufangen, heute wenigstens eine Ecke, eine Stunde. Aber sobald ich die Wohnung betrete und das ganze Ausmaß sehe, fühle ich mich wie gelähmt.5/8

Grinse_kath_i

Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. Dann schiebe ich es wieder auf morgen. Aus Tagen werden Wochen, aus Wochen Monate inzwischen sind daraus Jahre geworden.6/8

Grinse_kath_i

Manchmal habe ich das Gefühl, ein Doppelleben zu führen.

Der Mensch, den alle sehen, und der Mensch, der nach Hause kommt, fühlen sich wie zwei verschiedene Personen, wie zwei verschiedene Welten an.7/8

Grinse_kath_i

Ich schäme mich dafür. Nicht nur wegen der Wohnung, sondern auch dafür, dass ich seit Jahren so tue, als wäre alles in Ordnung. Irgendwie wurde das Verstecken selbst zu einer Gewohnheit.8/8

Kommentare und Reaktionen:

Könnt ihr euch in die Userin hineinversetzen oder das eben Gelesene zumindest ansatzweise nachvollziehen? Als Außenstehender kann man kaum glauben, wie schwer das fallen soll. Die Antworten der Community zeigen aber, dass die meisten Menschen großes Verständnis für die Situation aufbringen und es auch mit Ratschlägen versuchen.

Erinnert an Beppo Straßenkehrer aus „Momo“

Necessary-Goose-5346

Versuche ganz kleine Schritte: nicht „jetzt räume ich 1 Stunde auf“

Nimm dir lieber nur zB eine Tüte oder eine Kiste. Leer sie aus, wirf weg, was weg kann, den Rest zurück. Dann ist es vielleicht nur noch eine halbe Kiste.

Liegt Müll rum? Papier, Flaschen, leere Verpackungen?

Schnapp dir eine Mülltüte und geh einfach nur einmal grob durch. Nur das was ganz offensichtlich weg kann.

Und dann nimm den Sack und wirf ihn direkt in die Tonne.

So „einfach“ ist es dann doch nicht

Multiverse-Union

Das kann ein Messie nicht. Es liegt nicht an Faulheit, sondern an einer kompletten psychischen Blockade. Für einen Messie ist das herausbringen von Müll wie das Besteigen des Mount Everest. Es geht nicht.

Wäre so wie zu einem Magersüchtigen zu sagen: Komm, die eine Scheibe Brot kannst du doch essen.

Das, was dieser User sagt!

Special-Birthday-664

Geht mehr Leuten so als du denkst.

Und du führst ein Doppelleben. Das ist extrem anstrengend und raubt dir die Energie die du für anderes brauchst. Genauso die Emotionen die dein „nicht handeln“ in dir auslösen.

Das hier zu schreiben ist schon ein erster Schritt.

Such dir Hilfe. Das scheinst du nicht mehr alleine bewerkstelligen zu können und vor allem auch nicht müssen. Nach Hilfe zu fragen ist keine schwäche, ganz im Gegenteil.

Alles Gute dir.

Guter Tipp

Luchs13

Fühl ich! Bei mir ist es zum Glück nur 1 Zimmer, wo ich nicht will, dass es jemand sieht.

Du kannst bei Caritas oder ähnlichem anfragen. Die haben Unterstützung bei sowas, bevor es viel zu extrem wird. Die kennen dich auch nicht persönlich und du siehst sie nie wieder

Er scheint damit nicht alleine zu sein

Negative_Suit_9152

Fühle mich als hätte ich das geschrieben. Führe ein normales Leben abseits meiner Wohnung, hier ist es eine Katastrophe. Bin z.B. seit einem Jahr Single und es fliegen immernoch überall Klamotten von meiner Ex rum. Bei mir wissen es aber zumindest ein paar Leute..

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