
Jede Woche geben wir euch in unserem Beichtstuhl-Format einen unerwarteten Einblick in das Innere einer oder eines Fremden. Heute geht es um einen Mann, der die stumme Randfigur in seinem eigenen Leben ist. Vielleicht kommt er dem ein oder anderen von euch bekannt vor.
Wer bin ich? Eine Frage, die wir uns alle früher oder später stellen müssen. Vielleicht heimlich nachts im Bett, vielleicht aber auch nur für den Fall, dass uns jemand danach fragt. Also los, wer bin ich? Mein Job? Meine Hobbys? Meine Herkunft? Wo fängt man an, wo hört man auf? Der Mann, den wir gleich kennenlernen, beantwortet die Frage wie folgt:
Ich (m/30) habe meiner eigenen Einschätzung nach keine Persönlichkeit, keine Ziele, keine Hobbies und keine Werte. Ich bin quasi nur eine leere Hülle, der einfach nur seiner Arbeit und seinen gesellschaftlichen Pflichten nachgeht. Der einzige Wert, den ich dabei befolge: möglichst wenig Menschen dabei schaden. — 1/6
Kennt ihr noch Fight Club? Ein namenloser Mann, der so sehr an das System angepasst ist, dass man ihn direkt wieder vergisst, nachdem man ihn kennengelernt hat. Ein Mensch ohne Charakter, ohne Vorlieben, Fehler und Stärken. Ein Roboter in einem Menschkostüm, ersetzbar und willenlos. Eine Marionette im kapitalistischen System? So ähnlich klingt dieser Mann.
Mich beschreiben meine Freunde, Kollegen und Familienangehörige immer nur als nett und humorvoll. Das stimmt auch, aber eigentlich spiele ich diese Eigenschaften nur vor. Meine Mitmenschen empfinden mich als Nett, weil ich nur das sage was sie hören wollen. Und Humorvoll bin ich auch nur, wenn ich mal etwas nicht sagen darf und es als Witz verpacke. Also eine Art menschliches LLM: aus meinem Mund kommt nur das, was statistisch am wahrscheinlichsten ist und weil Kommunikation mit Menschen nun mal so funktioniert. — 2/6
So richtig glücklich wirkt das nicht. Ein Large Language Model ist schön und gut, aber was ist mit diesem Mann dahinter? Vielleicht haben wir ja alle eine solche Non-Person in der Schublade, die wir bei semi-angenehmen Gelegenheiten für uns agieren lassen. Treffen mit entfernten Verwandten oder Fahrstuhl-Smalltalk. Aber wie leer muss man sich anfühlen, wenn dieses hölzerne Wesen komplett für einen übernommen hat? Sicher nicht gut …
Außerdem können meine Mitmenschen mit mir machen, was sie wollen. Mich testen, belügen, betrügen, verarschen, hintergehen, berauben und manipulieren, alles schon irgendwie durchgemacht. Da bin ich höchstwahrscheinlich keine Ausnahme hier, mit dem Unterschied, dass ich meistens diese Situationen in dem Moment schon erkenne. Ich lass es aber trotzdem über mich ergehen. Und behalte diese Menschen sogar weiterhin in meinem Umfeld weil ich diese Menschen nicht verletzen will. Ich werde oft auch von meinem Umfeld darauf hingewiesen, dass ich Naiv wäre und mich andere Menschen ausnutzen. Aber das ist keine Naivität, ich bin mir dem bewusst. Ich mach halt nichts dagegen weil es den anderen verletzen könnte und eventuell ist sich die Ausnutzende Person selbst nicht bewusst darüber. Nur wenn es wirklich gefährlich wird, also wenn ich merke es könnte illegal werden oder jemand anderes außer mir selbst kommt zu Schaden, nur dann entferne ich mich, von diesen Mitmenschen. — 3/6
Das klingt nicht nur traurig, sondern stellenweise auch besorgniserregend. Die Frage ist, ob es diesem Menschen nur schwerfällt, sich anderen zu öffnen, oder ob diese Leere, die er beschreibt, auch sein Innerstes erfasst hat. Wie sieht es denn aus, wenn der Mann alleine mit sich ist?
Ich habe keine Hobbies, zumindest keine die in meinem Umfeld als solche anerkannt werden. Ich bin der, der bei der Vorstellungsfolie bei Hobbies „Netflix“ und „mit Freunden treffen“ schreibt. Meine eigentlich richtigen „Hobbies“ verfolge ich auch einfach ohne Ziele zum Zeitvertreib. — 4/6
Puh …
Ziele hatte ich bis vor paar Jahren welche, die habe ich aber alle erreicht. Abi? Check. Studium? Check. Arbeit? Check. Reisen? Check. Wunschgehalt? Check. Wohnung? Check. Auto? Check. Und jetzt? Nichts mehr da. Eine Immobilie kaufen? Sehe darin keinen großen Mehrwert, der die Investition Wert wäre. Meine Mietwohnung reicht völlig aus. Warum muss es „immer mehr“ sein? Für das Alter vorsorgen? Entspricht auch nicht meiner Lebenseinstellung. Mir ist egal ob die Rente später reicht oder nicht, der Tod ist nach Renteneintrittsalter sowieso nicht weit entfernt. — 5/3
Man möchte diesen Mann in den Arm nehmen wie ein verzweifeltes Kind. Und gleichzeitig ist vielleicht die Erkenntnis da, dass wir manchmal alle diese Person sind. Wir sind so sehr darauf getrimmt, bestimmte Parameter zu erreichen, dass kaum Platz da ist, sich zu überlegen, was uns eigentlich wichtig ist und wer wir eigentlich sind.
Ist hier der erste Schritt getan? Die Person hat offensichtlich Schwierigkeiten, aber es lässt sich auch eine riesengroße Stärke identifizieren: Er hat sein Problem erkannt und reflektiert. Vielleicht ist die Lage gar nicht so ausweglos, wie sie auf den ersten Blick zu sein scheint. Die Reddit-User*innen jedenfalls haben ihre eigenen Gedanken zu dieser Beichte gemacht.
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