
Schönheitsoperationen wirken heute oft erschreckend normal. Was früher ein großer, gut überlegter Schritt war, erscheint inzwischen fast wie ein weiterer To-do-Punkt auf der Selbstoptimierungsliste. Social Media, Filter und Trends setzen dabei Maßstäbe, die auf natürliche Art und Weise kaum erreichbar sind. Trotzdem verinnerlichen viele genau diese Bilder als Ideal. Und so kann aus der Unzufriedenheit mit dem eigenen Aussehen schnell das Gefühl werden, „etwas machen zu müssen“.
Besonders junge Menschen geraten extrem unter Druck – und das oft eher subtil: durch Vergleiche, oberflächliche Kommentare oder das ständige Sehen vermeintlich perfekter Gesichter und Körper. Wenn sich dieses Bild einmal festgesetzt hat, verschwimmt die Wahrnehmung. Was von außen vielleicht gar nicht auffällt, wird für einen selbst zum zentralen Makel, und invasive Eingriffe wirken wie die einzige logische Lösung. Die folgende Geschichte zeigt, wie dubios es so etwas zugehen kann. Aber lest selbst!
Ich (W26) war damals 18 Jahre alt, ziemlich naiv und psychisch krank (Körperschemastörung und Körperdysmorphe Störung). Ich habe damals an meinem Körper und meinem Gesicht überall Schönheitsfehler gesehen und um diese vermeintlichen „Makel“ beseitigen zu lassen, war ich zu allem bereit, auch zu invasiven Eingriffen — 1/7
Das klingt nach einer extrem belastenden Zeit, in der das eigene Bild stark verzerrt war …
Damals hatte ich mir den Floh ins Ohr gesetzt, dass ich unbedingt eine V-Line OP brauchen würde (für alle, die nicht wissen, was das ist, es handelt sich dabei um eine kosmetische Gesichtsoperation, bei der das Kinn, die Kieferwinkel und die Wangenknochen abgeschliffen und umgeformt werden, um ein V-förmiges Gesicht mit einem spitzen Kinn zu bekommen, diese Art von OP ist in (Süd-)Ostasien beliebt und verbreitet, besonders in Südkorea). — 2/7
Ihr seht, wie stark solche Schönheitsideale wirken können, gerade wenn man ohnehin unsicher mit sich ist. Von außen betrachtet wirkt so ein Eingriff extrem und unnötig, aber in dem Moment kann er sich für die betroffene Person wie die einzige Lösung anfühlen.
Da ich es gruselig fand, für so eine große Operation alleine in ein fremdes, weit entferntes Land zu fliehen, habe ich in Deutschland nach einem Arzt gesucht, der diese OP anbietet und ich habe auch einen gefunden. Die Praxis war auch nicht allzu weit von meinem Wohnort entfernt und in einer Art Bürokomplex. Der Arzt, ein Plastischer Chirurg, hat dort Beratungsgespräche und Nicht-Invasive Behandlungen wie Botox oder Hyaluronunterspritzungen durchgeführt, die Operationen fanden in einer in der Nähe liegenden Privatklinik statt. Angestellte hatte er nicht. — 3/4
Sind das nicht bereits die ersten Warnzeichen, die man in so einer Situation aber leicht übersieht? Gerade bei solch großen Eingriffen ist es entscheidend, auf ein seriöses Umfeld und klare Strukturen zu achten und nicht dorthin zu gehen, wo es vielleicht am günstigsten ist.
Ich habe bei ihm ein Beratungsgespräch vereinbart, welches auch kurz darauf stattfand, dort habe ich mit ihm vereinbart, dass er meinen Unterkiefer bis kurz vor den Zahnhälsen und meine Jochbeine abschleift, den Jochbögen durchsägt und sie etwas oberhalb ihrer eigentlichen Position wieder festschraubt, außerdem hätte er mir 50% meines Masseter-Kaumuskels entfernt und mir ein Kinnimplantat eingesetzt. Der ganze Spaß sollte insgesamt etwas über 12.000€ kosten, mit Rabatt, wenn ich bar bezahle. Warum ich euch das erzähle? Damit ihr euch ein Bild machen könnt, wie mein kaputt mein Selbstbild zu dieser Zeit war und ihr auch mal seht, was für lebenslang einschneidende und unseriöse Dinge manche Ärzte bei offensichtlich psychisch kranken Menschen machen würden. — 4/7
Das zeigt ziemlich drastisch, wie weit solche Eingriffe gehen können. Und wie wenig diese von Patienten hinterfragt werden. Gerade dann bräuchte es eigentlich mehr Verantwortung auf ärztlicher Seite, statt solche Wünsche einfach umzusetzen …
Finanziell war das überhaupt kein Problem, da meine Eltern für mich ca. 20.000€ für den Führerschein und ein erstes Auto angespart haben, die ich zum 18. Geburtstag bekommen habe. In Aussicht auf den Rabatt habe ich das Geld selbstverständlich in bar bezahlt (ohne Quittung), das war an einem Tag kurz vor Ostern. Die OP sollte ca. 2 Wochen später stattfinden. Eine Woche nach der Bezahlung hatte ich noch einige Fragen und habe versucht, den Arzt oder seine Sekretärin zu kontaktieren, aber ich habe niemanden erreicht. Dabei habe ich mir wegen Ostern erst nichts gedacht, aber als der OP-Tag immer näher rückte und ich nach wie vor niemanden erreichen konnte, wurde mir mulmig und ich habe mich in der Privatklinik nach ihm erkundigt und dort sagte man mir, dass er wohl verstorben wäre und sie mir nichts Näheres sagen dürften. Es wurde mir nur geraten, mir jetzt sofort einen Anwalt zu suchen. — 5/6
Das hatte sie sich natürlich nicht erhofft … Plötzlich ist alles unklar und man steht alleine und völlig ohne Orientierung da. Das wünscht man wirklich niemandem.
Mein Anwalt und ich haben sehr lange nach irgendwelchen Spuren gesucht, aber keine gefunden. Weder Angehörige oder andere Personen, die vielleicht etwas Genaues wissen. Auch eine Anzeige wegen Betruges verlief im Sande, da ich ja keine Quittung bekommen habe (das habe ich im Rahmen meiner Naivität einfach verpeilt), der Beleg dafür, dass ich das Geld bei der Bank abgehoben habe, reichte nicht aus.
Bis heute habe ich von dem Geld keinen einzigen Cent zurückbekommen und ich rechne auch nicht mehr damit. Ich habe nur noch Gerüchte mitbekommen, dass der Arzt wohl ein wahnsinniger Pfuscher war und es sich wohl in Russland mit einigen Leuten verscherzt und die ihn daher „beseitigt“ hätten. Ich glaube das zwar nicht, aber falls das doch stimmen sollte, haben mir diese Russen wohl mein Gesicht gerettet. Nachdem, was ich gehört habe, wäre die OP wahrscheinlich nicht gut gelaufen und ich wäre heute mit großer Wahrscheinlichkeit entstellt. — 6/7
Ob ihr im Nachhinein bewusst ist, wie gefährlich das hätte enden können und wie viel Glück sie eigentlich hatte?
Ich muss sagen, dass es mir heute sehr unangenehm ist, über dieses Thema zu sprechen, da ich einfach so komplett naiv war und so ein negatives Bild von mir selbst hatte. Meinen Eltern habe ich von der ganzen Sache übrigens nie etwas erzählt. Sie denken wahrscheinlich immer noch, dass das Geld auf der Bank liegt.
Ihr seid jetzt auch (neben dem Rechtsanwalt, der mir versucht hat zu helfen) die Ersten, denen ich diese Sache komplett und in aller Ausführlichkeit geschildert habe. Ich hoffe, mir wird meine Naivität, mein kranker Selbstoptimierungswahn und meine Erleichterung über den Tod eines Menschen verziehen — 7/7
Kommentare & Reaktionen:
Puh, das ist wirklich schwer zu verdauen. Was man aus der ganzen Geschichte vielleicht mitnehmen kann, ist wie stark Selbstbild, Druck von außen und das Versprechen schneller Veränderungen zusammenwirken können. Schönheitsoperationen sind keine Entscheidung, die man mal eben schnell trifft, sondern medizinische Eingriffe mit echten Risiken (körperlich, finanziell und psychisch). Sie brauchen daher genug Zeit, ehrliche Aufklärung und seriöse, erfahrene Ärzte. Auch die anderen Userinnen und User zeigen sich betroffen.
Positiv sehen
Perfekt unperfekt
Eine Lektion, die man auf keinen Fall vergisst
Es ist bestimmt nicht einfach, darüber zu reden
Ich finde es sehr mutig, deine Geschichte zu erzählen. Vielleicht findest du mit der Veröffentlichung auf irgendeinem Wege noch weitere Betroffene.. Aber ich vermute, das Geld ist leider weg. Trotzdem: Es ist schade, dass so vielen Menschen schon so jung das Selbstbild zerstört wird.. da gehöre ich tatsächlich auch dazu.. ob es einen aber glücklicher macht, „schöner“ zu sein? Ich denke nicht.. zumindest ist das das, was ich über die Jahre gelernt hab.
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