Ist der Kleidungsstil unwichtig oder Ausdruck von Wertschätzung?

Eine Frau mit unsicherem Gesichtsausdruck, die einen Daumen hoch und einen Daumen runter hält, um zwiegespaltene Gefühle auszudrücken. Um sie herum sind Emojis wie ein Hemd mit Krawatte und ein schweißperlen-lachendes Gesicht auf einem poppigen blauen Hintergrund mit weißen Sternen zu sehen.
Bild: Asier, Adobe Stock / Twitterperlen mit KI

Es ist eine Diskussion so alt wie Fußpilz oder der Hefekuchen von Tante Hella: Geht unsere Gesellschaft wertemäßig den Bach runter? Das Thema ist verwandt mit den Fragen, ob junge Leute keinen Respekt mehr haben und die alten Tugenden von Fleiß, Strebsamkeit und gegenseitiger Wertschätzung nicht mehr kennen und pflegen. Philosophen bemühten diese Diskurse bereits, politisch sind sie eh immer ein Kassenschlager und auch in der Kernfamilie werden sie immer wieder zur Freude aller zelebriert. Heute schauen wir uns mal ein mikrokosmisches Beispiel an: die Oper. 

Userin @ute_reist_ war in einer Aufführung und hat ihre Beobachtung auf Threads geteilt:

Ich bin schockiert Am Samstag war ich zu einer Opernaufführung. Was ich erlebt habe, hat mich nachdenklich gemacht. Das Personal schick, aufmerksam und freundlich. Die Künstler sowieso. Viele der Gäste in Jeans, Sandalen, Shirt. Ist das die neue Mentalität „Ich habe bezahlt und verlange für mein Geld top Leistung" aber dafür tue und lasse ich, was ich will? Ist es Arroganz oder Gleichgültigkeit? Ist der Kleidungsstil unwichtig oder Ausdruck von Wertschätzung sich und anderen gegenüber?

Team Dresscode

Man kann diese Einstellung als Ausdruck von Diskriminierung von oben abtun, aber eine leise Stimme sagt uns, dass wir alle gewisse Vorurteile hegen und pflegen, wenn es um anlassgemäße Kleidung geht. Oder habt ihr noch nie heimlich das Gesicht verzogen, wenn der Cousin in der Jogginghose zu Omas 80. kam?

Wir möchten euch die wichtigsten Gedanken zur Diskussion nicht vorenthalten. Hier kommen Reaktionen aus dem Lager: Zeigt ein bisschen Respekt!

Werte oder doch eher Druck?

Das beobachte ich schon 25 Jahre und es stört mich sehr. Wenn ich alte Fotos anschaue wie gut und ordentlich die Leute früher bei Veranstaltungen und beim Kirchgang gekleidet waren, komme ich aus dem Staunen nicht heraus, denn man hatte früher viel weniger Geld zur Verfügung wie heute!

Ist das so?

Ich bin voll deiner Meinung, dass anlassbezogene Kleidung, wie hier von vielen suggeriert, keine Geldfrage ist. Es ist vielleicht eine Form von Egoismus (was schert mich die Meinung anderer), bei einigen auch das Auflehnen gegen Konventionen aber bei vielen beobachte ich Gleichgültigkeit gegenüber Werten und Traditionen.

Man kommt ja auch nicht im Schlafanzug zur Hochzeit

Ich genieße es schon, wenn die Leute sich schick machen. Wenn sie sich Mühe geben. Weil sie ein Ereignis erwarten, dass sich vom normalen Alltag unterscheidet. Weil sie Respekt vor der Leistung Anderer bekunden. Nicht um mit rauschenden Gewändern anzugeben. Einfach, weil so ein Abend für alle Beteiligten etwas Besonderes ist.

Brauchen wir einen Dresscode?

Wir waren "nur" im Musical letzten Freitag,aber genau das fiel mir auch negativ auf. Ich war eine der gaaaanz wenigen die sich schick gemacht haben, wenn nicht sogar die einzige im Kleid. Das zerstört die ganze Atmosphäre, wenn jeder zu einer Veranstaltung geht und sich kleidet, als würde er auf dem Volksfest Bier trinken gehen wollen. Für mich war es ein wunderschöner Abend, aber das was ich da sah,bleibt negativ im Kopf.

Team dress cool!

Sehr viele Userinnen und User waren allerdings anderer Meinung – mit sehr überzeugenden Argumenten! Hier kommen die wichtigsten Gedanken aus dem Team: Trag doch, was ihr wollt!

Jemand vom Fach

Opernsänger hier: für unsere Bühnenkostüme können wir nix. Manchmal tragen auch wir auf der Bühne weniger schicke Sachen. Aber was das Publikum, dass 90% der Zeit eh im Dunklen sitzt, anzieht, ist mir völlig wurscht. Hauptsache, ihr KAUFT KARTEN damit ich weiterhin einen Job habe! Zu viele Leute höre ich, die meinen sie könnten nicht in die Oper, weil ihnen die Klamotten dafür fehlen und da nur alte Leute in großer Abendgarderobe sind. Ihr sollt MICH gucken, nicht die Sitznachbarn!

Nicht vergessen

Ich besuche berufsbedingt sehr viele Premieren im Jahr. Querbeet durch die Genre. Es hat in den Jahren wirklich einen Wandel unter den Zuschauern gegeben. Bei Opernpremieren ist der Anteil an festlicher Kleidung immer noch sehr hoch und ich finde es auch gut so. Es ist sowohl für die Mitwirkenden, als auch für die Zuschauer ein besonderer Moment. In der laufenden Saison finde ich es nicht so wichtig, solange es nicht zu leger ist. Ich verstehe auch die jungen Leute, wenn sie nicht in

in „grosser" Garderobe ins Theater gehen. Ich halte es für wesentlich wichtiger, DAS sie ins Theater gehen.

Malt es an die Wand

Kultur sollte für alle zugänglich sein. Kleidung & Styling sagen wirklich gar nichts darüber aus, wie sehr man das ganze wertschätzt. Oper und co darf kein elitäres Schaulaufen sein, durch das Klassismus weiter gefördert wird. Du bist keine bessere Person, nur weil Du Dir schickere Kleidung kaufst.

Faire Frage

Ich verstehe nicht, was der Stoff an meinem Körper damit zu tun hat, ob ich eine Oper wertschätze oder nicht. Also ernstgemeinte Frage. Ein "Dresscode" ist genau das: Ein Code, der die In- Group von der Out-Group, die ihn nicht versteht, abgrenzen soll. Ich finde es gut, wenn sowas im öffentlichen kulturellen Raum mehr und mehr aufgelöst wird. Das baut Barrieren ab und schafft Zugänglichkeit. Wieso sollte ich eine Oper in Jeans weniger genießen bzw. wertschätzen können als in einem Abendkleid?

Die Frage muss erlaubt sein

Ist es nicht wertschätzender, regelmäßig ohne Hemmungen Theater, Opern und Konzerte zu besuchen als nur einmal im Jahr mit großem Brimborium? Wäre es nicht schön, wenn kulturelle Veranstaltungen ganz selbstverständlich zum Leben gehören?

Ein letzter Gedanke zum Thema!

Ich schmeiße mich für die Oper gerne mal in Schale. Für mich. Weil ich Spass dran habe. Aber manche Leute fühlen sich darin nicht wohl. Andere investieren das Geld anstatt ins Outfit lieber in die Karten für Oper/Theater. Ich finde, im 21. Jahrhundert sollten wir uns davon lösen, am Erscheinungsbild eines Menschen etwas festzulegen. Teilhabe an Kunst, Kultur und Sozialleben sollte für alle Einkommensklassen möglich sein.

Fazit

Wie ihr zur Oper geht (oder auch nicht geht), ist natürlich ganz allein eure Entscheidung. Ein Zeichen von Respekt und gegenseitiger Wertschätzung ist vor allem, andere Meinungen zu dulden und auf Augenhöhe zu begegnen. Wenn ihr dazu bereit seid, schreibt uns doch in die Kommentare, wie ihr zur Diskussion steht.

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