Hohe emotionale Belastungen bei Tierärztinnen und Tierärzten: „Es war richtig für das Tier und trotzdem frustrierend“

Max Kilian 13.03.2024, 9:47 Uhr

Triggerwarnung: Dieser Beitrag thematisiert den Tod von Haustieren, Depressionen und Suizide!

Nahezu jeder, der ein Haustier hat, dürfte mit diesem bereits irgendwann einmal bei der Tierärztin oder dem Tierarzt vorstellig geworden sein. Im besten Fall nur, um sich Wurmtabletten oder die notwendigen Impfungen für Hund, Katze und Co. abzuholen. Oder wegen kleinerer Verletzungen und Wehwehchen. Im Laufe eines Tierlebens besteht nun leider aber auch die Möglichkeit, dass größere Eingriffe anstehen oder ernste Krankheiten auftauchen. Für diese Fälle gibt es in der Tierarztpraxis glücklicherweise Expertinnen und Experten, die sich fachkundig und kompetent um unsere Haustiere kümmern können. Für was diese Tierärztinnen und Tierärzte jedoch meist keine Expertinnen und Experten sind, ist die emotionale Belastung, die dieser Beruf sehr häufig mit sich bringt. Das langwierige Studium der Veterinärmedizin grast quasi jede noch so kleine Spezies mit ihren ganz besonderen Eigenheiten – inklusive sämtlicher lateinischen Bezeichnungen und Namen – ab. Was jedoch Kommunikationsfähigkeiten, die emotionale Ebene und die damit einhergehenden Belastungen abseits des OP-Tisches angeht, herrscht weitgehend das berühmte Schweigen im Walde bzw. im Vorlesungssaal. Für uns daher Grund genug, euch liebe Herrchen und Frauchen, heute den folgenden Thread von Twitteruserin und Tierärztin @CriticalVet ans Herz zu legen.

Vielleicht habt ihr schon einmal mitbekommen, dass Tierärzt:innen hohen emotionalen Belastungen ausgesetzt sind, was auch zu einer höheren Anzahl von Depressionen, Suizidgefährdung und Burn-Out führt. Ich nehme euch heute mit zu einem -leider- sehr kurzen Beispiel.

Gestern kam die TFA in die Sprechstunde und bat mich einen Fall direkt dranzunehmen. Familie X mit Hündin Lisa (alle Namen geändert). Lisa ist laut PC 15,36 Jahre alt und in Seitenlage. Der erste Gedanke, der uns allen kommt (ja, wir sind von Vorverurteilungen nicht gefeit) ist

„Es wurde mal wieder zu lange gewartet und jetzt müssen wir das arme Wrack einschläfern“. 
Wir holen Lisa mit einer Decke ins Sprechzimmer. Ich habe eine Hündin, in Seitenlage, aber voll ansprechbar, die den Kopf hebt und auf meine Ansprache reagiert. Insgesamt körperlich für

ihr Alter gut aussieht (wir sehen das oft sehr viel schlimmer). Mein erster Gedanke ist also vom Tisch, weil das kein Tier im Sterbeprozess ist. Also erstmal eine gründliche Anamnese und AU. Wir stellen fest: 40,6 Fieber, einmalig erbrochen. Bis gestern war alles in Ordnung, wie

Familie X mir absolut glaubwürdig berichtet. Ich entscheide mich, dass ich erst stabilisiere und gucke, ob ich das Fieber runter bekomme und den Hund wieder zum Gehen. Gesagt getan, Lisa kommt an die Infusion, bekommt Fiebersenker und auf Grund der unklaren Genese

ein Antibiotikum. Nach einer Stunde ist sie in Brust-Bauchlage, nach 2 will sie selbstständig aufstehen, die erneute Temperaturkontrolle zeigt 39,2. Wir besprechen die Diagnostik und einigen uns erstmal auf ein großes Blutbild mit Blutchemie sowie den „Zeckenkrankheiten“.

Gerade Babesiose macht gerne mal plötzliches, super hohes Fieber. Unsere kleine Praxis hat keine Station, deswegen wird Lisa über Nacht nach Hause gegeben. Heute kam das Blutbild zurück, mit einigen veränderten Werten. Wir baten drum, bei Lisas Kontrolle ein Ultraschall des

Abdomens machen zu dürfen um nach Ursachen zu gucken. VD Gallenblasenmukozele DD Gallenblasentumor. Da es Lisa heute wieder schlechter ging, was zu dem Befund passt, wurde sie im Beisein der Familie eingeschläfert. 
Warum ist das jetzt eine belastende Situation für uns? Weil auch

wir ein Tier verlieren, was wir 15 Jahre begleitet haben. Weil wir natürlich gestern happy waren, dass Lisa selber aus der Praxis laufen konnte, obwohl ihre Familie da schon dachte „jetzt ist vorbei“. Und weil wir natürlich frustriert sind, dass das Schicksal uns jetzt doch

keine andere Wahl ließ. Es war richtig für Tier und trotzdem frustrierend. Und traurig. Und heute Abend sind unsere Gedanke bei Lisa und der Lücke, die sie hinterlässt. Wie immer: seid nett zu euren Tierärzt:innen. Ihr wisst nie, wie unser Tag war.

Kommentare und Reaktionen:

Habt ihr als Tierbesitzerin oder Tierbesitzer nach dem Verlassen der Praxis schon mal daran gedacht? Klar, Herrchen oder Frauchen trifft der Verlust des geliebten Haustieres natürlich am heftigsten. Doch auch Tierärztinnen und Tierärzte können nicht einfach per Knopfdruck die Geschehnisse des Praxisalltags ausblenden, sobald der Dienst vorbei ist. Auch einige Userinnen und User zollen dafür in den Kommentaren ihren Respekt.

Ich sehe beides in der Praxis. Die Familien, die den Punkt nicht erkennen (können oder wollen) und die, die sagen „der ist ja schon alt, da machen wir nichts mehr“. Beides ist super schwierig. In der Betreuung und der Kommunikation.

Meine Ma hat am Sonntag unseren Seelenhund gehen lassen müssen. Die TÄ hatte sich zu ihr u unserer Pauli ins Auto gesetzt u. sie haben danach zusammen geweint. Eure Belastung, zum einen das Tier zu verlieren u zum anderen den Schmerz der Angehörigen zu erleben, muss enorm sein.

Mein Respekt für euch. zweimal musste ich ein Tier gehen lassen und schäme mich nicht zu sagen, dass ich Rotz und Wasser geheult habe. Die trauernden Besitzer kommen zu der ganzen Situation ja auch noch dazu

Das hat mich sehr berührt, habe es vor ca. 4 Wochen recht ähnlich mit meinem Hund erlebt. Erst Hoffnung, dann leider doch das Ende. Alle in der Praxis waren super. Danke, dass ihr diesen Job mit Herzblut macht, auch und gerade in solchen Momenten 🌸.

Danke - unbekannterweise - für Ihre Empathie  ❤

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